Brian Zahnd: Mit welcher Brille lesen wir die Bibel?

Ein Beitrag von Thorsten Dietz

1. Ein Problem mit der Bibel 

Der Theologe und Pastor Brian Zahnd entdeckte eines Tages, dass er ein Problem mit der Bibel hat. Als junger Christ und auf seinem Weg als Pastor hatte er gelernt, wie wichtig die Lektüre der Bibel ist. Und natürlich gehörte dazu auch, die Bibel nicht nur historisch zu lesen, sondern sie als Anrede zu hören, als Wort für uns heute. 

Die Bibel spricht zu uns: Wir sind die Nachfahren des biblischen Israels und der frühen Jesusgemeinde, so lernte er. Die Bibel tröstet uns, wo wir Ablehnung und Verfolgung der Mächte dieser Welt erleben. Biblische Texte ermutigen uns zum Widerstand, zur Kritik an den Grossen dieser Welt, der Pharaos, der Babylonier oder der Römer. Mit unseren geistlichen Vorfahren orientieren wir uns am Weg Israels aus der Knechtschaft, an der Selbstbehauptung im babylonischen Exil. Wir teilen den Glauben, dass Christus der Herr ist und nicht der Kaiser.  

Wo das Problem liegt? Je länger Zahnd die Bibel las, desto mehr fragte er sich: Und wenn wir nicht die Nachfahren Israels sind; sondern die Erben der Babylonier und Römer? Wenn wir nicht die kleine Schar der Gläubigen sind, sondern Profiteure des Imperiums?  

Zunehmend wird er sich sicher: Vor allem in der amerikanischen Christenheit, aber auch im Westen generell, hat man verlernt, die Bibel von unten zu lesen: Aus der Sicht der wirklichen Opfer der Grossmächte dieser Welt. 

Die amerikanische Christenheit müsse lernen: Wir sind nicht Israel. Wir sind Babylon.

Wir sind nicht die bedrohte Gemeinschaft der Jesusjünger. Wir sind wohlhabende Bürger des dominanten Imperiums unserer Zeit. Wir sind nicht die Menschen auf der Flucht. Wir sind diejenigen, die sich Flüchtlingen verschliessen. Wir sind nicht die Armen, die seliggepriesen werden, sondern die Reichen, die Herren und Führer dieser Welt. Wir fühlen uns als Opfer der Welt und des jeweiligen Zeitgeistes und sehen überhaupt nicht, welchen Einfluss wir faktisch haben. Wie lesen wir die Bibel, wenn uns das bewusst wird? 

2. Von den Jesus People zur charismatische Erneuerung

Brian Zahnds Weg zu dieser Einsicht war weit. Es lohnt, sich seinen Weg anzuschauen. Man lernt viel über Weichenstellungen in der US-Christenheit. Zahnds geistlicher Weg begann in der Bewegung der „Jesus People“ der 1970er Jahre. Diese Erweckungsbewegung war geprägt von einer Mischung aus begeisterter Jesusliebe und gegenkulturellem Idealismus. Auf einem Gesprächsabend in Zürich im Mai 2026 erinnert er sich, wie überwältigend für viele und auch für ihn die Erfahrung war, dass Jesus mehr als religiöse Bibelfigur war, sondern lebendiges Gegenüber, einer, der Menschen begeistert und befreit. 

Nichts ist völlig unpolitisch, auch nicht dieser Aufbruch. Zahnd erinnert sich an die grosse Skepsis gegenüber der Politik, die damals in Zeiten von Vietnamkrieg und Watergate-Skandal viele ergriffen hatte. Man wollte etwas Anderes und Neues. Der Jesusglaube dieses Aufbruchs verband sich mit vielen Elementen der Hippie-Bewegung.

Die Jesus People waren eine zweite Welle der 68er, die von der Politik enttäuscht waren und etwas ganz anderes suchten, auch etwas anderes als Sex, Drugs and Rock’n Roll. 

Ernüchtert von den Folgen auch der sexuellen Revolution, suchte man Begeisterung ohne Drogen. Gerne mit Rock’n Roll, aber mit christlichen Texten. 

Die Zeit der Jesus People war intensiv und kurz. Für Zahnd wie für viele andere ging dieser Aufbruch auch weiter in der charismatischen Erneuerung der 1970er Jahre. Die Erfahrung von Zeichen und Wundern, wie sie die Pfingstbewegung kultiviert, sprang über die Grenzen der Konfessionen. Für viele war die unmittelbare Gotteserfahrung in Lobpreismusik und in der gemeinsamen Erfahrung des Übernatürlichen eine Fortsetzung ihres Aufbruchs. Zahnd wurde Pastor, gründete eine Gemeinde und erlebte Wachstum und Erfolg. Die Gemeinde wuchs und wuchs und wurde ein Vorzeigeprojekt der aufkommenden Megachurches. 

3. Die Zeit der Kulturkriege 

Dieser charismatische Aufbruch war gut, bis er nicht mehr gut war, so Zahnd. In den 1980ern Jahren änderte sich die religiöse Welt. Jesus People und charismatische Erneuerung waren am Anfang eigenständige Aufbrüche, in denen sich die meisten nie als Evangelikale verstanden hätten. Man wollte etwas Neues sein, und nicht einem Lager beitreten.

In den 1980ern begann die amerikanische Gegenwart. Von da an gab und gibt es kaum noch etwas, was nicht zu einem Lager gehört. Nicht in der Politik, nicht in den Medien und auch nicht in der Religion. 

Und wer damals als evangelikal gelabelt wurde, wusste, wofür er stehen muss bzw. auf keinen Fall stehen darf. Als Evangelikaler bist du für Republikaner und gegen Demokraten, so wie du gegen Abtreibung und nicht dafür bist. Du bist für dein Land und gegen die linken Internationalisten, du liebst die Army und siehst die amerikanische Flagge mit Stolz.  

Zahnd wurde immer nachdenklicher. In seinen Kreisen war man überzeugt, die ideale Mischung gefunden haben: In der Sache klar und eindeutig beim biblischen Evangelium und der historischen Orthodoxie (Rechtgläubigkeit) der Kirche – in den Formen und Methoden zeitgemäss und nah bei den Menschen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Er beschloss, noch einmal gründlich theologisch auf die Reise zu gehen. 

Verstehen wir die Bibel richtig? Oder haben wir vielleicht eine problematische Brille auf? 

Zahnd begann mit dem Studium der Kirchenväter. Und er kam aus dem Staunen nicht heraus. Er fand dort eine Christenheit, die in vielen Fragen ganz anders tickte als diejenigen, sie sich in den USA als Hüter der ewigen Wahrheit verstanden. Viele Kirchenväter sahen militärischen Dienst grundsätzlich kritisch. Sie setzten sich für die Armen ein.

Und mehr: Sie hatten auch ein anderes Verständnis des Kreuzes. Sie betonten keineswegs die evangelikale Standardlehre des stellvertretenden Strafleidens Christi. Sie stellten den Sieg Christi gegen die Mächte und Gewalten des Bösen ins Zentrum (vgl. die damals Aufsehen erregende Monster God Debate). Sie hatten ein viel höheres Verständnis von Taufe und Abendmahl. Sie hielten liturgische Ordnungen für unverzichtbar. Sie beriefen sich nicht nur auf ihre Vorgänger, sie tradierten ihre Texte und vertieften ihre Einsichten.  

Zahnd fiel es wie Schuppen von den Augen. Die charismatisch-evangelikale Kultur seiner Zeit war keineswegs im Widerstand gegen den Zeitgeist ihrer Epoche. Sie war davon durch und durch erfüllt – und merkte es nicht.  

Zahnd betont in seinen Büchern immer wieder: So etwas wie eine Dekonstruktion meines Glaubens an Christus habe er nie erlebt. Im Gegenteil. Nicht Jesus wurde ihm fraglich, sondern eine Christenheit, die so vieles von ihm ignoriert. Diese Gestalt der Kirche habe ich für sich dekonstruieren müssen.  

4. Rückgang und Erneuerung

Solche Einsichten sind für eine Gemeinde nicht ungefährlich. Je mehr Zahnd es wagte, das eigene Milieu zur Erneuerung aufzurufen, desto skeptischer wurden viele. Sie waren es nicht gewöhnt, amerikanischen Patriotismus, Konsumorientierung und Celebrity Kultur der eigenen religiösen Szene als problematische Anpassung erklärt zu bekommen. Mit der Zeit schrumpfte die Zahl der Leute in seinen Gottesdiensten um mehr als 1000 Personen.  

Dennoch liessen sich viele andere auf eine Erneuerung der Gemeinde ein. In seinem Buch über „Wasser und Wein“  beschreibt er die Lernerfahrungen dieser Zeit. Seine Gemeinde wird zu einem Ort, an dem nicht Wachstum um jeden Preis zählt, sondern gelebte Gemeinschaft. Im Gottesdienst ziehen liturgische Elemente ein, die man in der anglikanischen Tradition findet. Die Predigten sind nicht mehr Praxisanleitungen in sieben Schritten. Sie ermutigen zur Aufmerksamkeit auf Gottes geheimnisvolle Gegenwart in dieser Welt.  

Die Theologie wird nicht liberal. Geprägt von seinen geschichtlichen Entdeckungen, orientiert sich Zahnd an theologischen Entwürfen, die der älteren Tradition des Christentums treu bleiben. Postliberale Exegeten wie NT Wright und Walter Brueggemann schärfen seinen Blick für den Eigensinn der biblischen Texte. Von Stanley Hauerwas lernt er eine theologische Ethik kennen, die sich der Friedensbotschaft der Bibel und der frühen Christenheit verbunden weiss. Dallas Willards Buch The Divine Conspiracy wird ihm zu einer lebenslangen Inspiration für eine christliche Weltsicht, die in die Tiefe führt und nicht in Kulturkriege. 

Christentum ist keine moderne Ideologie, kein „-ismus“, der sich einfach in politische Programme übersetzen lässt. Es ist eine antike Religion, durchzogen von Mysterium, Symbolik und einer tiefen spirituellen Weisheit. 

Und zugleich muss die Christenheit sich immer wieder neu auf ihre Zeit beziehen. 

5. Jesus statt Mars  

Zahnds Theologie besteht nicht aus Politik und zugleich kann sie gar nicht anders, als sich auch politisch zu äussern. Seine Einsichten führen ihn zu einer klaren Abgrenzung gegenüber Nationalismus und Militarismus, die er zunehmend als Fremdkörper im christlichen Glauben empfindet. Immer klarer wird ihm: Ein erheblicher Teil des amerikanischen Evangelikalismus ist in den letzten Jahrzehnten in eine nationalistische und autoritäre Richtung gedriftet. Christlicher Glaube wird zunehmend mit politischer Macht, militärischer Stärke und kultureller Dominanz verknüpft. Ein zentrales Thema in Zahnds Werk ist die Kritik an der Militarisierung des Christentums. In seinem Buch A Farewell to Mars setzt er sich mit der engen Verbindung von Christentum und Krieg auseinander. 

Mars, der römische Kriegsgott, steht hier symbolisch für eine Haltung, die Gewalt, Stärke und militärische Macht glorifiziert.

Zahnd diagnostiziert, dass viele Christen – bewusst oder unbewusst – eher Mars folgen als Jesus.

Der „Friedensfürst“ wird durch eine Ideologie ersetzt, die Krieg rechtfertigt und nationale Interessen über das Evangelium stellt. 

Für Zahnd ist das ein fundamentaler Verrat am Kern des christlichen Glaubens. Jesus verkörpert radikale Gewaltlosigkeit, Feindesliebe und Versöhnung. Wer Jesus folgt, kann nicht gleichzeitig eine Theologie vertreten, die in Krieg etwas anderes sieht als eine tragische, allerletzte Möglichkeit. Die eigentliche Frage lautet daher: Folgen wir Jesus – oder folgen wir Mars? 

Zahnds Antwort ist klar: Das Christentum muss sich von Mars verabschieden. Nicht im Sinne eines naiven Pazifismus, sondern als bewusste Rückkehr zu Jesus als dem Massssstab allen Denkens und Handelns. Militärische Macht darf niemals etwas sein, worauf man stolz sein kann. Entscheidend ist die Identifikation mit dem gekreuzigten Christus, der Gewalt nicht mit Gegengewalt beantwortet. 

In Postcards from Babylon vertieft Zahnd seine Einsichten – im Zeitalter Donald Trumps. Von seiner eigenen Lebensreise her ist es Zahnd klar, dass die bedingungslose Loyalität der allermeisten weissen Evangelikalen zu Trump kein Ausrutscher ist, auch kein Zufall oder die am wenigsten schlechte Option. Die Begeisterung für Trump und seine politischen Visionen (nicht immer sein persönliches Verhalten) ist eine logische Konsequenz der letzten Jahrzehnte. Die Zustimmung zu vielen Merkmalen der gegenwärtigen Politik wurden lange vorbereitet:  

  • Das dualistische Denken und eine durchgreifende  Freund/Feind-Logik 
  • Das Streben nach Dominanz, die Verachtung von Kompromissen als Schwäche 
  • Die Idealisierung von männlicher Stärke und radikalen Entscheidungen 
  • Die Ausrichtung des Menschenbildes an klaren Hierarchien und Idealen  
  • Der Stolz auf das eigene Land, sein Militär und seine ökonomische Kraft 
  • Die Empathielosigkeit mit allen, die fremd sind und nicht in die Schemata passen

Schade genug, wenn wir so die Bibel lesen. Umso schlimmer, wenn eine solche Haltung die Politik beeinflusst.

6. Mit welcher Brille lesen wir die Bibel? 

Wie verstehen wir die Bibel richtig? Es gehört zur Weisheit der Kirchengeschichte, dass es die endgültige, absolute Wahrheit der Bibelauslegung nicht geben kann. Wir lesen die Bibel nie unvoreingenommen, d.h. gänzlich ohne Brille. Und doch lassen sich bestimmte Voreinstellungen, einige falsche Brillen, identifizieren.  

Eine entscheidende Frage ist unser Grundverständnis des Reiches Gottes.

Die anbrechende Gottesherrschaft war das grosse Thema der Verkündigung Jesu: Gottes Herrschaft kommt, ja sie bricht jetzt schon an. Für Jesus und das Neue Testament ist klar: Gottes Herrschaft steht im Gegensatz zur Logik des römischen Imperiums. Hier werden die Kleinen gross gemacht und nicht erniedrigt (Mt 23,12). Die Letzten werden nicht abgehängt, sondern die Ersten (Mt 20,16). Nicht am Erfolg der Reichen, sondern am Wohl der Armen lässt sich Gottes Herrschaft messen (Mt 5,3).  

Heute haben sich viele eine imperiale Brille für die Bibel angewöhnt. Sie verstehen sich als die Auserwählten Gottes, die mit der Bibel in der Hand ihre Feinde in der modernen Kultur meinen bekämpfen zu können. Ein solches Christentum ist völlig blind geworden für die eigene Verstrickung in die Macht- und Reichtums-Strukturen dieser Welt. 

Literatur:  

Zahnd, Brian (2019): Postcards from Babylon. The Church in American Exile, Spello Press. 

Zahnd, Brian (2016): Water to Wine: Some of My Story, Spello Press.

Zahnd, Brian (2014): A Farewell to Mars: An Evangelical Pastor’s Journey Toward the Biblical Gospel of Peace, David C Cook.

Vgl. Thorsten Dietz (2026): Vom Evangelikalismus zum Nationalismus?

Vgl. auch Thorsten Dietz (2022): David Gushee und die Postevangelikalen.

Dieser Beitrag ist Teil des Bibel-Dossiers