Blasphemie im Theater?
„Was wäre, wenn wir das älteste Buch der Welt ganz neu entdecken könnten?“ So heisst es auf dem Flyer des Theater Rigiblick in Zürich zum Stück: „Maria. Was die Bibel über sie nicht erzählt.“
Das Theaterstück beruht auf einer Erzählung des irischen Schriftstellers Colm Tóibín, The Testament of Mary (2012), an. Seit Jahren gibt es diese Erzählung auch als Drama für eine Person. Wie es sich bei solchen Bearbeitungen biblischer Stoffe für die Bühne gehört, gab es natürlich auch Debatten, ob man das denn dürfe oder ob bei allzu freiherziger Umsetzung nicht die Grenze zur Blasphemie berührt sei.
Es gibt Menschen, die an einer Art religiöser Abweichungsallergie leiden. Für sie ist Religion nicht eine Lebenspraxis, auch nicht eine Haltung des Vertrauens. Religion ist für sie ein Klammergriff der Seele, ein sich Festkrallen an der Wahrheit. Und je grösser die Angst, dass einem die Wahrheit entgleitet, desto stärker wird ihre Eindeutigkeit betont. Genau so müsse man glauben, mit diesen Formeln, nicht mit diesen, nur mit jenen Worten.
Alle Darstellungen der biblischen Geschichten in freien Erzählungen, Kinderbibeln, Filmen und Serien werden gemessen an einem Massstab der Ursprungstreue. Viele Diskussionen zur Serie The Chosen kreisen immer wieder um solche Fragen.
Maria – anders als gewohnt
Solche Fixierungen auf das, was wirklich feststeht, führen schnell in die Irre. So gibt es etliches, was die Bibel nicht über Maria erzählt, was aber von vielen, vor allem katholischen und auch orthodoxen Gläubigen für wesentlich und oft auch real gehalten wird: Die Geschichte von ihren Eltern Anna und Joachim und ihrer auch schon wunderbaren Geburt. Ihre unbefleckte Empfängnis, die Anschauung, dass Maria frei vom Makel der Erbschuld geboren wurde. 1854 wurde diese Überzeugung von Papst Pius IX zu einem Dogma der katholischen Kirche erhoben. Oder schliesslich ihre Himmelfahrt, dem einzigen Dogma der Katholischen Kirche, das von einem Papst (Pius XII.) nach Erklärung seiner Unfehlbarkeit 1870 zur Glaubenswahrheit erhoben wurde.
Vor allem auch bibelfesten Protestanten fällt noch so einiges an volkstümlichen Überzeugungen ein, das die Bibel über Maria nicht erzählt. Aber das Theaterstück denkt in eine ganz andere Richtung. Viele sind der Überzeugung, dass längst nicht alle kirchlichen Überlieferung zu Maria glaubhaft sind. Was aber, wenn es noch schlimmer ist?
Bei der von Regisseur Jochen Strauch verantworteten Inszenierung in Zürich handelt es sich um eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit dem biblischen Stoff und der christlichen Glaubenstradition. Die von der Zürcher Schauspielerin Mona Petri grandios in Szene gesetzte Maria macht von Anfang an deutlich, dass Maria sich nicht nur von einigen Legenden, sondern von ihrer ganzen christlichen Vereinnahmung distanziert. Wurde Maria in der Frömmigkeitsgeschichte vielfach zu einem übermenschlichen Vorbild der Demut und Geduld, so zeigt sie sich hier in einer gänzlichen anderen Perspektive.
Wir hören ihre Erzählung aus einer Zeit Jahrzehnte nach Jesu Leben. Offensichtlich sammeln gerade einige Jesus-Anhänger Materialien aus seiner Zeit , um sie in Texten zu verewigen. Den Jüngern fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Ob Maria denn nicht merke, wie sich die Bewegung immer weiter ausbreite? Ob sie nicht erkennen könne, wie sehr zusammenhängende schriftliche Darstellung der Worte und Taten des Erlösers – ihres Sohnes – zum endgültigen Durchbruch des Glaubens an ihn beitragen könnten und sicher auch werden? Ob sie denn nicht noch mehr Erinnerungen teilen oder zumindest solche bestätigen könne, die im Umlauf sind?
Für Maria sind die ständigen Besuche vor allem zweier Jesus-Anhänger – einer heisst Markus, der andere bleibt namenlos – lästig.
Maria mag sie nicht, die Gläubigen ihres Sohnes.
Sie ist keineswegs stolz auf diesen Nachruf ihres Sohnes, den sie im ganzen Stück nicht beim Namen nennt.
Eine (un-)biblische Maria
Die Mutter Gottes – eine Ungläubige? Nun geht das Theaterstück nicht so weit wie das Buch von Colm Tóibín. Dort lebt die alt gewordene Maria in Ephesus, genau dort, wo auch die kirchliche Überlieferung es von ihr berichtet. Nur anders als in den frommen Erzählungen der nächsten Generationen lebt sie dort nicht hoch verehrt von der christlichen Gemeinschaft und zusammen mit dem Lieblingsjünger Johannes, so wie ihr Sohn es noch am Kreuz verfügt hat (Joh 19,26-27).
Die antike Weltstadt Ephesus wird in den folgenden Jahrhunderten zu einem Schlüsselort christlicher Marienverehrung, bis dahin, dass auf einem der wichtigsten Konzilien der alten Kirche die bis heute verbindliche Entscheidung getroffen wurde, von Maria nicht nur als Christusgebärerin, sondern als Gottesgebärerin zu reden. Tóibín Maria könnte nicht weiter davon entfernt sein. Horribile dictu: Vielmehr besucht sie regelmässig das Heiligtum der Artemis von Ephesus, der sie sich näher fühlt als dem Gott ihrer Väter. Das ist insofern eine spitze Pointe, als vielfach angenommen wird: Der schon in der Bibel bezeugte intensive Artemiskult (Apg 19,34) der Stadt könnte eine zunehmende Verehrung Marias als Himmelskönigin mindestens teilweise inspiriert haben.
Ist das Stück «Maria» das Portrait einer ganz und gar unbiblischen Maria? Keineswegs. Markus, so heisst der eine Jünger, der sie immer wieder um Materialien bittet. Das ist gut erfunden. Denn es ist bezeichnend, was wir von Maria im ältesten Evangelium, dem nach Markus, erfahren: Insgesamt sehr wenig, bis auf eine Episode. In Mk 3 heisst es:
„Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten. 21 Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Mk 3,20-21).
Wenige Verse später wird deutlich, dass es sich bei «den Seinen» um Maria und ihre Kinder / Jesu Geschwister gehandelt hatte. Sie hielten für verrückt. Und sie wollten ihn fortschaffen vor seinen Gläubigen. Doch Jesus hört nicht auf seine Mutter. Und er sparte nicht mit Schroffheit:
„Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draussen, schickten zu ihm und liessen ihn rufen. 32 Und das Volk sass um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draussen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise sassen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Mk 3,31-35)
Das Schauspiel «Maria» ist in seiner Weise höchst bibeltreu. Denn es nimmt die biblische Überlieferung ernst, die ohne jeden Zweifel historisch ist; niemals hätte man eine für die Mutter Gottes so unvorteilhafte Episode in späterer Zeit erfunden. Und dieser Haltung bleibt die Maria im Stück treu. Sie mag diesen Kult um ihren Sohn nicht. Auch diejenigen nicht, die Jesus ihr offensichtlich vorzog.
Im Stück werden die Erfahrungen Marias auf drei biblische Erzählungen bezogen, die alle im Johannesevangelium stehen: Der Heilung eines Mannes am Teich Bethesda (Joh 4) dem Weinwunder zu Kana (Joh 2) und der Auferweckung des Lazarus (Joh 11).
Maria bezweifelt nicht, dass durch ihren Sohn offenbar Aussergewöhnliches passiert. Ihr machen die Konsequenzen Angst. Der Fanatismus, der seine Anhänger erfüllt. Das Überspannte ihrer Erwartungen. Den Versuch, Jesus aus diesem Wahn zu befreien, bringen Erzählung und Stück zusammen mit der Geschichte zu Kana. „Weib, was habe ich mir Dir zu schaffen“ (Joh 2,4), sagt Jesus zu ihr vor aller Augen. Im deutlich später als Markus geschriebenen Johannesevangelium nimmt Maria das gläubig hin. Die Aufführung belässt es bei der markinischen Sicht. Jesus wird seiner Mutter zunehmend fremd; wie sollte sie das nicht kränken.
Mater dolorosa
Warum verweigert sich die Mutter Jesu bis zuletzt dem neuen Glauben? Wie kann das sein, angesichts der Erfahrungen vieler Gläubiger, dass das Kreuz keineswegs das Ende war? Und Maria war dabei, als ihr Sohn starb. Sie wurde Zeugin seiner Verurteilung vor Pilatus. Sie hörte die «Kreuzige-ihn»-Rufe seiner Feinde. Sie sah die Zeichen der Folter an seinem Leib. Sie hörte das Lachen und Lästern seiner Feinde. Und sie wurde Zeugin seiner tiefsten Erniedrigung, geschunden und nackt an einem Kreuz ausgestellt zu werden. Und sie blieb in den kommenden Stunden seiner ungeheuren Qualen.
Ganz Mensch, ganz Mutter sieht sie alles und vergisst nichts davon. Sie hört seine Schreie, seine Versuche, sich noch einmal mitzuteilen. Alle Evangelien berichten davon; aber sehr unterschiedlich, ja gegensätzlich. Im Stück sagt Maria, was er sagen wollte, sei nicht verständlich gewesen.
Sie war da und erinnert sich an alles. All too well.
Als er ans Kreuz genagelt wurde und dieses aufgerichtet wurde, gehen seine Schreie ihr durch Mark und Bein. Ein Schwert wird durch dein Herz dringen, heisst es im Lukasevangelium (Lk 2,35). Kann es etwas Schlimmeres geben? Offenbar dies, dass die Qual nicht enden will, Stunde um Stunde. Jesus stirbt noch am gleichen Tag und das ist vergleichsweise schnell. In Marias Zeiterfahrung ist es unendliche Hölle.
Irgendwann sei sie gegangen, bekennt sie. Nicht mal wissend, ob er tot sei oder nicht. Sie konnte nicht mehr. Sie hielt es einfach nicht mehr aus. Und auch das geht mit ihr und sorgt dafür, dass die Qual fortdauert.
Das war es nicht wert
Für die Jünger wurde der Auferstehungsglaube zum Anfang einer neuen Welt. Sie sind sich sicher: Alles hatte einen Sinn. Alles musste so sein. Der Vater hatte es so gewollt. Jesus musste sterben. Für das Volk, für die Menschen, zur Versöhnung der Menschheit mit Gott. Jesus musste sterben, um der Erlösung willen. Durch Jesus ist der Weg frei zum ewigen Leben. Immer wieder versuchen die Jünger, Maria diese Sicht aufzudrängen. Bis es ihr reicht.
Ich war dabei und habe gesehen, was passiert ist, sagt sie. Und wenn ihr sagt, das alles sei nötig gewesen, um die Welt zu erlösen, dann kann ich nur sagen: Das war es nicht wert. Und noch einmal sagt sie: Das war es nicht wert.
Ein Schauspiel ist ein Schauspiel ist ein Schauspiel. Niemand, vom Autor bis zu den Zuschauenden ist der Überzeugung, dass das so nun die historische Wahrheit sei, die endlich enthüllt wird. Diese bis zuletzt ungläubige Marias ist eine Deutung. Eine moderne Deutung. Denn man muss den Gesprächen der Zuschauenden nach der Aufführung nicht lange zuhören, um zu erkennen: Für viele Menschen sind die kirchlichen Theorien von Sühne, Versöhnung und Stellvertretung nicht mehr verständlich. Sie teilen Marias Zweifel und Anfragen.
Man kann sich darüber empören und auf die klare und eindeutige Wahrheit der Bibel verweisen. Das ist billig, vor allem schon deshalb, weil sich die biblischen Deutungen des Todes Jesu sehr viel komplexer sind, als populäre Glaubenskurse wahrhaben wollen.
Kann man heute noch an ein Opfer am Kreuz glauben?
«Das war es nicht wert.» Warum denken Menschen so? In Kirche und Theologie ist es heute selbstverständlich, diesen Eindruck sehr ernst zu nehmen und ihn keineswegs als unchristlich zu verdammen. Denn das zeigt dieses Stück eindrücklich: Der Widerwille gegen bestimmte Deutungen des Todes Jesu haben ihren Grund. Hier wird ein Mensch instrumentalisiert. Hier werden grausamste Folterung und Tötung gerechtfertigt, im Namen einer höheren Notwendigkeit. Das musste so passieren. Natürlich, es war schlimm. Aber immerhin, am Ende ist es gerechtfertigt durch seinen Erfolg.
Maria verweigert sich dieser Logik mit jeder Faser ihres Seins. Mein Sohn war mein Sohn war mein Kind. Ich habe ihn nicht geboren, dass er für etwas gut ist, als Mittel zum Zweck, als ein Opfer, das man bringen muss für ein höheres Ziel.
Was Maria zum Ausdruck bringt, ist eine Haltung, die in der Moderne zur Substanz der Menschlichkeit wurde: Der Glaube an den unendlichen Wert der Menschenseele. Jedes Leben ist unendlich wertvoll. Und niemals Mittel zum Zweck. Und wenn es die Erlösung von vielen anderen ist? Auch dann nicht.
Folter und Erniedrigung, Grausamkeit und Blutdurst dürfen am Ende nicht den Anschein des Unvermeidlichen, Gerechtfertigten bekommen. Das ist es nicht wert.
Als Theologe glaube ich, dass es nach wie vor möglich ist, von einem Heilsereignis des Todes Jesu zu reden, auch mit Worten wie Opfer und Stellvertretung. Aber niemals an diesen Fragen vorbei. Und niemals so, dass dieser Widerwille gegen die Instrumentalisierung der Grausamkeit ignoriert wird. Und als Theologe denke ich auch dies: Die heutige Höchstschätzung des Lebens ist eine Wirkung jüdisch-christlicher Impulse. Menschen als Mittel zum Zweck zu gebrauchen ist antiker Alltag. Jeder Gekreuzigte des römischen Reiches war ein solches Mittel zum Zweck: Dieses blutrünstige Schauspiel diente zur Abschreckung, zur Demonstration römischer Allmacht, dass sie mit ihren Feinden alles tun können, was sie wollen, auf dass man sie fürchte. Und niemand fand das merkwürdig.
Es ist das Ergebnis einer langen, langen Geschichte und wesentlich auch des Einflusses des Christentums, dass wir heute anders empfinden. Der Althistoriker Tom Holland beschreibt das in seinen Studien zur römischen Geschichte: Wie kommt es, dass wir heute so einen Ekel haben vor Grausamkeiten, die damals Alltag auf den Strassen des Reiches waren? Und als Historiker meinte er mehr und mehr zu sehen: Das hat was mit dem Christentum zu tun. Es hat Veränderungen angestossen. Es hat uns den Wert jedes einzelnen Lebens eingeschärft. Es wurde zu einer Schule des Mitgefühls.
Maria mit und ohne Mariologie
Die Zürcher Aufführung verbindet das Solostück mit einer Musikaufführung des klassischen Werkes Stabat Mater von Pergolosi. Dieses Gedicht verkörpert die tiefe Verehrung, die Maria als Mutter Gottes und Mutter der Schmerzen erfahren hat- Der Wechselspiel mit der zweifelnden Maria ist sehr gelungen. Denn darum interessiert uns Maria: Sie ist eine riesige Projektionsfläche. Mehr als eine Milliarde Menschen auf dieser Welt betet regelmässig mit den Worten des Ave Maria.
Das Stabat Mater beschreibt die Qualen der Mutter Gottes. Sie musste Dinge ertragen, angesichts derer die Worte nur versagen können.
Als Protestant ist mir die religiöse Seite dieser Marienverehrung hoffnungslos fremd. Ich kann nur ungläubig staunen, wie viele sich etwas davon erwarten, sie wieder und wieder um ihre Fürbitte anzugehen.
Ich glaube nicht an ihre Wunder zu Lourdes und Fatima. Ich weiss, dass es zu ihrem Wunderwirken 1000 mal mehr Zeugnisse – und viele würden sagen, Beweise – gibt, als zu den Wundern der Bibel. Aber es bleibt mir verschlossen. Wie fast allen Protestanten.
Fremd ist mir jede Mariologie. Überhaupt nicht fremd ist mir die Suche nach menschlicher Nähe zum Menschen Maria. Denn es ist ja nicht nur die Unbefleckte, die Gottesgebärerin und Himmelskönigin, die die Menschen suchen mit den Frömmigkeitsformen der katholischen und auch vieler orthodoxer Kirchen. Es ist ihr Geschick, ihr unendliches Leiden, das Menschen bewegt. Millionen, wohl Milliarden haben sich im Laufe der Geschichte ihr zugewandt. Kein höchstes Gut, kein Gott der Philosophen, kein Weltgeist und auch kein Gott der Väter ist so glaubwürdig wissend, was tiefste Verzweiflung und namenlose Trauer bedeuten. Die Phantasie der Gläubigen hat aus ihr schon immer mehr gemacht, als die Bibel erzählt.
Und die Worte des «Stabat mater» machen das anrührend deutlich. Bei der Schmerzensreichen suchen Menschen Zuflucht, die für ihre eigenen Schmerzen in dieser Welt keinen Halt finden. Hier finden sie Gemeinschaft des Leidens, Trost in geteilten Tränen, Halt im Vertrauen, in der Erfahrung innerer Bodenlosigkeit nicht ganz allein zu sein.
Das Schauspiel Maria ist selbst ein «Stabat Mater». Es ist über weite Strecken ein Passionsschauspiel. Das Leiden und Sterben Jesu wird mit einer Wucht vergegenwärtigt, wie es menschliche Predigtkunst nur sehr selten vermag.
Vorbild des Duldens, Vorbild des Zweifelns
Kunstwerke wie Stabat Mater oder die berühmten Passionsstücke der Barockzeit produzieren ein Störgefühl, das nicht wenige kennen. Viele Menschen hören die Matthäuspassion mit tiefster Ergriffenheit, die sich in Wahrheit wie Glaube anfühlt. Bis sie zu genau auf die Texte achten und merken: Denken und Fühlen klaffen auseinander. Das, was da gesungen wird über „Gottes Lamm, mein Bräutigam“ – ist für viele nur noch im Gefühl einer Aufführung, nicht mehr in einem inhaltlich reflektierten Glauben erschwinglich.
Bietet das Theaterstück Maria am Ende ein dringend nötiges Update des Christentums? Ein Leiden Christi und Marias, nun aber so, dass auch das Leiden der eigenen religiösen Verständnislosigkeit zum Ausdruck gebracht wird? Gehört dieses Stück längst in die Kirchen – und nicht nur auf die Bühne?
Keine Kirche nähme Schaden, wenn dieses Stück in ihr aufgeführt würde. Und doch ist das Theater der angemessene Raum. Denn hier wird dieses Schicksals eines, das kein Einstimmen und kein Zustimmen erwartet.
Etwas Grundsätzliches lässt sich lernen. Es gibt keinen Umgang mit der Bibel, der nicht immer neue Auslegung ist.
Es gibt keine ungedeutete Bibel. Wir haben die Bibel gar nicht rein, nicht an und für sich. Mit dem sola scriptura der Reformation haben sich im Laufe der Zeit völlig unsinnige Vorstellungen verbunden, als wären die Bibeltexte für sich genommen und allein so etwas wie ein Glaubensgegenstand, den man einfach so nehmen können müsse, wie er ist.
Sola scriptura bedeutete damals: Die Schrift allein – und nicht ein Lehramt der Kirche – ist Grundlage unseres Glaubens. Aber natürlich nicht die Schrift allein, ohne unsere immer subjektiven Deutungen; das war ja die Wahrheit der katholischen Position. Tatsächlich gibt es keinen Kanon ohne Tradition, keine Schrift ohne Auslegung. Die Bibel kann nicht an sich, sondern nur als interpretierte Bibel angeeignet werden. Nur dass wir aus reformierter Sicht dafür keinen römischen Mann in Weiss brauchen. Und natürlich sind wir als Reformierte Kirche auch selbst kein neues Papsttum.
Der Schriftsteller und das Theater sind Teil einer Welt, die Gott sei Dank durch die Reformation gegangen sind. Wir alle können die Bibel auslegen. Der Reichtum ihrer Motive ist bis heute nicht erschöpft.
Was die Bibel erzählt und das Stück verschweigt
Die Zürcher Aufführung ist grossartig. Das Buch ist ebenfalls sehr lesenswert, für Gläubige und Nichtgläubige und die wachsende Zahl derer, die Schwierigkeiten haben, sich in dieser Alternative zu verorten.
Und doch habe ich etwas vermisst.
Warum ein Stück über Maria und ihre Zweifel? Warum ist die Premiere ausverkauft? Ist ihr Geschick denn so einzigartig? Leider nicht. Unzählige wurden damals gekreuzigt. Heute erleiden viele Ähnliches und vielleicht auch Schlimmeres. Das Leiden der Maria von Nazareth ist nicht zuletzt deshalb so interessant, weil sie eine Marke ist: verehrt und gepriesen von Unzähligen. Das Stück macht dies zum roten Faden, die Marienverehrung, beispielhaft im Stabat Mater, und Maria selbst, die barfuss auf der Bühne steht und nicht in schicken Schuhen wie die Sängerinnen. Die ihr zuteilwerdende Verehrung und ihre wirklichen Erfahrungen – das ist ein reizvolles Wechselspiel.
Nicht viel erfährt man über die zweite vergleichbare Figur, deren Name nie genannt wird und die natürlich auch allgegenwärtig ist. Ihr Sohn. Dieser Christus. Jesus von Nazareth. Wir hören ein wenig von seinen Handlungen und bekommen schnell gezeigt, wie sehr die Wucht der Projektionen auf ihn, die Zeugnisse über den Erlöser, den Sohn Gottes etc. ihn erst seiner Mutter entfremden und ihn dann gänzlich zu einem Entrückten machen.
Warum ist ihm das passiert? Ja offensichtlich nicht deshalb, weil er der Sohn der Maria war.
Was hat Jesus eigentlich so gesagt und erzählt, dass sich so viel geballte Sehnsucht an ihn festmachen konnte?
Was waren das für Geschichten, die er in Gleichnisse packte und in Bildern veranschaulichte? Was für Worte über Liebe und Erbarmen, das Glück der Armen und die Freude der Lebenserneuerung, das Fest der Gemeinschaft und den unendlichen Wert der Menschenseele? Was wollte er wirklich? Sollte zumindest Maria sich nicht auch dies gefragt haben?
Der Flyer des Theater Rigiblick gibt, wie schon am Anfang zitiert, da einen Hinweis: „Was wäre, wenn wir das älteste Buch der Welt ganz neu entdecken könnten?“ Ja, mit neuen Perspektiven und Interpretationen, denn was die Bibel bedeutet, steht nie ein für allemal fest. So vieles wartet zwischen ihren Buchdeckeln darauf, neu gelesen, frisch verstanden und lebendig verarbeitet zu werden.
Literatur
Tóibín, Colm (2012): The Testament of Mary, London: Penguin Books.
Dieser Beitrag gehört zum Dossier Bibel von Fokus Theologie.
