Bibel, Schrift und Wort Gottes – für viele Gläubige sind diese drei Begriffe austauschbar und meinen mehr oder weniger dasselbe. In offiziellen Dokumenten und Kirchenordnungen wird von der Heiligen Schrift oder dem Wort Gottes gesprochen als Quelle, Richtschnur und Norm für das, was der Glaube glaubt und tut. Ist doch klar, dass damit die Bibel gemeint ist – oder?
Wie nutzen Menschen die Bibel und was erfahren sie dabei?
Was im persönlichen und kirchlichen Sprachgebrauch erst mal wie eins klingt, kann in der Erfahrung, die Menschen mit der Bibel machen, auseinandertreten. Die Ergebnisse der Leipziger Bibelstudie 2022 bieten in diesem Zusammenhang weiterführende Hinweise.
Kein Buch ist derart verbreitet wie die Bibel. Knapp 53% der deutschen Haushalte besitzen mindestens ein Druckexemplar. 70% der Befragten lesen einmal im Jahr oder nie in der Bibel.
Die Studie zeigt, dass es vor allem die fehlende persönliche Relevanz ist, welche Menschen davon abhält, Bibel zu benutzen (S. 22).
Erstaunlich ist, dass knapp 50% der Nicht-Leser:innen das, was in der Bibel steht, interessant finden.
Erfahren Menschen Gott oder etwas Göttliches durch die Bibel? Ein Viertel der Nicht-Lesenden stimmt dem zu: unter den Bibel-Lesenden sind es knapp 58%. 77% der Bibel-Leser:innen geben an, dass sich Gott in der Bibel zu erkennen gibt. Schaut man noch einmal genauer auf die Gruppe der Bibel-Lesenden, so findet die Aussage «Durch die Bibel spricht Gott zu mir» folgende Zustimmung: 91% häufige Leser:innen, 73% gelegentliche Leser:innen und 56% gelegentliche Leser:innen.
Eigene Bibel-Erfahrungen
Eine Bibel zu haben und darin zu lesen (1), bedeutet nicht automatisch, sie in einer bestimmten Weise zu gebrauchen (2) und auch nicht, sich durch die Bibel von Gott angesprochen zu fühlen (3). Das scheinen drei unterschiedliche Dinge zu sein. Auch in meiner eigenen Leseerfahrung. Nur war mir das lange nicht bewusst. Ein persönliches Beispiel:
Oft lese ich in der Bibel (1), aber sie spricht mich nicht an (3). Im Gegenteil, sie wird mir fremd, wenn ich etwa sehe, wie gewalterfüllt die Texte sein können. Da bleibe ich dann hängen:
Warum wurde das so aufgeschrieben? War das damals einfach eine Zeit, in der Gewalt üblich war? Oder sind es vielleicht Opfer von Gewalt, die sich an einen Gott brutaler Rache wenden?
Kein Wunder, dass solche Texte – wenn überhaupt – nur in qualifizierter Weise in der Kirche gebraucht oder für die eigene Glaubenspraxis empfohlen werden (2). Ich tue mich folglich schwer, pauschal zu sagen, dass die Bibel Gottes Wort (3) ist.
Theologische Begriffshygiene kann gesund sein
Manchmal verliert sich die Theologie tatsächlich in Unterscheidungen und Ausdifferenzierungen.
Aber manchmal ist ein wenig Begriffshygiene auch richtig gesund. Das trifft für die Unterscheidung von Bibel (1), Schrift (2) und Wort Gottes (3) zu, wie sie in Ingolf Dalferths Buch «Wirkendes Wort» zu finden ist.
Ich will im Folgenden kurz zeigen, was hinter diesen Unterscheidungen steckt. Sie können uns nicht nur helfen, die vielfältigen Erfahrungen mit der Bibel einzuordnen, sondern machen vielleicht auch neue Erfahrungen mit der Bibel möglich.
So spielen Bibel, Schrift und Wort Gottes kommunikativ zusammen
Bibel, Schrift und Wort Gottes zu unterscheiden heisst nicht, sie auseinanderzureissen. Vielmehr kommen sie als drei Grössen zur Geltung, die jeweils spezifische Funktion in einem übergeordneten Prozess haben: Der Kommunikation des Evangeliums. Ihr erfolgreiches Zusammenspiel lässt sich so beschreiben (siehe dazu auch Dalferths Zusammenfassung auf S. 74-76):
Die Bibel ist eine Sammlung von Texten. Sie wird gelesen oder auch nicht. Wird sie nicht nur gelesen, sondern in einer bestimmten Weise gebraucht, wird sie zur Schrift. Dieser Gebrauch sieht so aus, dass Menschen sich darüber verständigen, was das Evangelium ist, und die Schrift heranziehen, um das Evangelium zu kommunizieren. Wenn nun das Evangelium von Gottes heilsamer Gegenwart im Leben Jesu Christi den Menschen widerfährt und sie glauben können, dass Gott auch ihnen in Liebe gegenwärtig ist, dann ist etwas passiert: Gottes Wort hat sich ereignet.
Dalferth selbst schreibt (S. 74-75):
«Wer Bibel sagt, sagt Buch; wer Schrift sagt, sagt Gemeinschaft mit anderen, die einen unterbrechen und überraschen können; wer Wort Gottes sagt, spricht davon, wie Gott in das Leben von Menschen einbricht und es verändert, indem er aufdeckt, wie er ihrer Gegenwart in der Kraft seiner Liebe gegenwärtig ist; und wer anderen mitteilt und mit ihnen teilt, wie das in und durch Jesus Christus geschehen ist und durch den Geist immer wieder geschieht, kommuniziert das Evangelium.»
Die Bibel – eine Textsammlung
Die Bibel ist eine Bibliothek an Texten, die in einer langen und komplexen Geschichte schriftlich fixiert, gesammelt und überliefert worden sind. Bibel ist eine deskriptive, historisch-literarische Kategorie. Man kann sie lesen als antike, religiöse Texte und mit historisch-kritischen Methoden danach fragen, was die Texte damals bedeutet haben und sagen wollten (Literalsinn). Die Texte der Bibel lassen sich unterschiedlichen Textgattungen zuordnen und zeichnen sich durch eine Vielzahl an Themen aus, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind. Den Unterschied zur Schrift betont Dalferth so (S. 394):
«Doch die Bibel ist nicht die Schrift, und weder Schrift noch Bibel sind das Wort Gottes. Die Bibel ist vielmehr die Druckfassung der Texte der Schrift, während die Schrift der Gebrauch dieser Texte als Schlüssel zum Verstehen des Wortes Gottes ist.»
Die Schrift – ein Textgebrauch
Was Dalferth als Schrift bezeichnet, ist eine Praxis, ein ganz bestimmter Umgang, durch den die schriftlich fixierten Texte der Bibel zu Handlungstexten werden:
«Man muss die Bibel evangeliumsbezogen lesen, um sie als Schrift zu lesen, also nicht nur auf den Eigensinn der Texte achten … sondern auf den Gebrauchssinn, den sie ihrer Verwendung im Christentum verdanken.» Es geht bei der Schrift darum, dass die Kirche die Texte der Bibel heranzieht und beansprucht, «um das Evangelium zu bestimmen, auszulegen und zu kommunizieren» (S. 189).
Dieser Gebrauch führt – im Unterschied zur Themenvielfalt der Bibel – zu einem einheitlichen Thema der Schrift, durch das sie normativer Kanon und Richtschnur des Glaubens und Handelns wird: «Gottes Heilshandeln für die Welt in Jesus Christus» (S. 246).
Gebraucht wird die Schrift im öffentlichen Leben der Kirche (z.B. Theologie, Verkündigung, Gesang, Liturgie) aber auch im Leben der einzelnen Gläubigen (z.B. Meditation, Seelsorge, Gebet, Suche nach Trost und Orientierung).
Auf diese Weise wird sich die Kirche immer neu ihrer Identität bewusst und gibt sich Rechenschaft über das, was sie glaubt und kommuniziert. «Nur wer, wenn er Bibel sagt, auch Kirche sagt, hat damit Schrift gesagt» (188).
Das Wort Gottes – ein Ereignis
Weder die biblischen Texte noch deren kirchlicher Gebrauch als Schrift können mit Gottes Wort gleichgesetzt werden. Wort Gottes bezeichnet nämlich die unverfügbare, dynamische und wechselnde Begegnung zwischen Gott und Mensch. Es geht um das Ereignis der Selbstkommunikation und -offenbarung Gottes.
«Die Schrift ist Gottes Wort, wenn sie in der christlichen Kommunikation des Evangeliums durch das Wirken des Geistes zu Gottes Wort wird. Das wird sie, wenn das Evangelium von Gottes Heilswirken in der Geschichte Jesu Christi so vergegenwärtigt wird, dass Gottes Gegenwart in Christus als Gegenwart Gottes im eigenen Leben einsichtig wird und geglaubt werden kann.» (S. 291)
Was hier geschieht ist viel mehr als der Versuch, einen Text als Wort Gottes zu verstehen und auszulegen. Vielmehr erschliesst sich Gott so, dass es zu einem Verstehen und Auslegen des eigenen Lebens durch die Texte kommt. Dalferth formuliert das lebendig (S. 328):
«Aber es geht nicht darum etwas als Gottes Wort, sondern Gottes Wort als etwas zu verstehen – als etwas, das mich unterbricht, mir widerspricht, mich aus mir herausruft, mir etwas zuspricht, mich auf Abgründe aufmerksam macht, die ich bisher ausgeblendet habe, mir Möglichkeiten eröffnet, die mir bislang unzugänglich waren oder von mir ignoriert wurden.»
Was macht diese Unterscheidungen so hilfreich?
Menschen machen unterschiedliche Leseerfahrungen mit der Bibel. Die Differenzierung von Bibel, Schrift und Wort Gottes hilft dabei, diese Erfahrungen zu bejahen und ihnen nicht mit Leseanweisungen zu begegnen: «So und so nicht muss man die Bibel lesen!» Und das gilt natürlich auch für die eigenen Erfahrungen mit der Bibel.
Es ist okay, wenn mir die Bibel nichts sagt. Dann ist sie mir halt nicht zu einem Wort Gottes geworden.
Und ich kann tunlichst alles unterlassen, um Gott mit Hilfe der Bibel zum Sprechen zu bringen. Alles andere wäre die Verfügbarmachung von Gottes Wort mittels der Bibel. Das ist – abgesehen davon, dass es nicht funktioniert – auf die Dauer ermüdend.
Es ist in diesem Sinne gut, wenn mir die Bibel fremd wird und bleibt. Vielleicht hilft mir eine historische Lektüre der Texte wenigstens zu verstehen, was sie damals sagen wollten.
Genauso okay ist es aber auch, einen persönlichen oder gemeinsamen Bibelgebrauch zu pflegen, bei dem wir mit der Möglichkeit rechnen, dass die alten Texte uns in ihre Geschichte hineinnehmen und unser Leben heute neu auslegen.
Aus der Unverfügbarkeit des Wortes Gottes folgt ja nicht, dass es sich gar nicht oder rein zufällig ereignet. Ich muss mich schon in den Raum hineinhalten, in dem Gottes Wort möglich ist, und die Bibel hat sich in ihrer langen, Wirkungsgeschichte als ein solcher Möglichkeitsraum erwiesen.
Dass manche Gläubige die Bibel nicht mehr oder nur noch historisch lesen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie die Unterscheidung zwischen Bibel, Schrift und Wort Gottes für sich noch nicht fruchtbar machen konnten. Genauso wie diejenigen, die sich und andere damit quälen, man müsse die Bibel nur intensiv genug und mit der wahren Methode lesen, um zu entdecken, dass sie Gottes Wort sei. Demgegenüber klingt es geradezu befreiend, wenn Dalferth schreibt (S. 418):
«Die Bibel ist kein heiliges Buch, kein christlicher Koran, und das Christentum keine Buchreligion.»
Literaturhinweise
Dieser Beitrag gehört zu unserer Stoffwelt «Das Bibel-Dossier». Dort findest Du mehr zum Thema.
Ingolf U. Dalferth: Wirkendes Wort. Bibel Schrift und Evangelium im Leben der Kirche und im Denken der Theologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.
Alexander Deeg | Gert Pickel | Yvonne Jaeckel | Anika Mélix: Dimensionen biblischer Relevanz. Befunde einer empirischen Befragung zur gesellschaftlichen Verbreitung und Nutzung der Bibel in Deutschland 2022, https://ul.qucosa.de/landing-page/?tx_dlf[id]=https%3A%2F%2Ful.qucosa.de%2Fapi%2Fqucosa%253A86133%2Fmets
