In diesen Tagen sind wir heftig dran an der Auslegung der Jahreslosung 2027:
«Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!» (Jesaja 41,10).
Am Montag, den 26. Oktober 2026, wollen wir unsere Arbeitshilfen hier in diesem Dossier veröffentlichen. Bis es so weit ist, lassen wir schon mal ein paar Funken fliegen.
Jesaja – was für ein Prophetenbuch
Bei uns macht sich eine Faszination für das Jesajabuch als Ganzes breit. Es ist eines der längsten und komplexesten Bücher das Alten Testaments.
Und es ist theologisch gesehen äusserst reichhaltig und bedeutsam. Vermutlich auch deshalb, weil es in einem Zeitraum von ca. 400 Jahren entstanden ist.
Ein langer Prozess, in dem prophetische Überlieferung fortgeschrieben, neuinterpretiert und ergänzt worden ist. Und dabei kommen mindestens zwei interessante Sachen raus …
Jesaja – was für eine Theologie
Das eine Endprodukt ist eine Theologie, die von Erfahrungen aller Art nur so trieft.
Die Verehrung JHWHs als des einen Gottes für Israel (Monolatrie) geht über in die reflektierte Überzeugung, dass JHWH der einzige Gott aller Geschöpfe ist (Monotheismus).
Was haben die Eroberungen Jerusalems und die Zerstörung des Tempels damit zu tun? Wie haben die Zeit im babylonischen Exil oder der Aufstieg des Perserkönigs Kyrus die israelitische Vorstellung von Gottes einzigartiger Geschichts- und Schöpfermacht geprägt?
Jesaja – was für ein Visionär
Das zweite Endprodukt ist die visionäre Gottes- und Geschichtsschau, ausgehend vom Jerusalemer Propheten Jesaja aus dem 8. Jh. v. Chr. und weit über diesen hinaus.
Was da geschaut wird, ist eine Weltgeschichte, die einen grossen Bogen spannt.
Vom Gericht Gottes angesichts der Untreue seines Volkes über Gottes tröstende und befreiende Macht in der Geschichte bis hin zum Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels, ja sogar bis zur gemeinsamen Wallfahrt aller Völker und der Neuschöpfung von Himmel und Erde.
Wer fürchtet hier was?
Für unser Verständnis der Jahreslosung ist es wichtig zu fragen, in welche Befürchtungen und Ängste die Worte damals gefallen sind. Die fürchterlichen Ereignisse der Eroberung Jerusalems (ab 597 v.Chr.), der Tempelzerstörung und der Deportationen nach Babylon liegen schon einige Jahrzehnte zurück.
Wie haben die Israeliten diese Ereignisse erinnert und eine Erzählung daraus gemacht? Wie hat das Ihre kollektive Identität und ihr Gemeinschaftsgefühl geprägt?
Hinzu kommt: Der Perserkönig Kyros zieht triumphierend in Babylon ein (539 v.Chr.), und die dortige Priesterschaft glaubt, dass der babylonische Hauptgott Marduk ihn auserwählt hat.
Wo ist eigentlich unser Gott, JHWH, in all dem?
Es gab viele Gründe zu befürchten:
«Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht entgeht meinem Gott» (Jes 40,27).
Ist es die Angst, keinen Halt mehr zu haben, von der Geschichte und von Gott vergessen zu werden, von den Mächten der Zeit aufgerieben zu werden und die eigene Identität zu verlieren? Oder ist es eher eine lähmende Angst, sich erneut aufzumachen, zurückzukehren und Jerusalem als Wohnort Gottes wieder aufzubauen?
Macht der Glaube an Gott angstfähig?
Mit dieser Frage liesse sich die Jahreslosung in die Gegenwart holen. Aber zuerst mal gilt es, den Zusammenhang damals auszuloten:
Auf welcher Basis steht die Behauptung, dass Gottes Mit- und Fürsein der Grund dafür ist, furchtlos zu werden?
Es könnte sich lohnen, die Geschichte nachzuzeichnen, innerhalb der Gott sich selbst bestimmt als ein Gott, der unter allen Umständen für die Menschen da ist. Aus christlicher Perspektive wird Gott durch den angstvollen Tod und die Auferstehung von den Toten völlig vertrauenswürdig.
Nur ein Gott, der die Angst der Gottverlassenheit durchquert, kann auch von Angst befreien.
Angstfähigkeit des Glaubens, das steht für uns jetzt schon fest, bedeutet nicht Abwesenheit von Angst, sondern ein Leben, das nicht von Angst bestimmt oder gar getrieben ist. Und dass im Glauben Ängste – etwa vor Gott – geschürt werden können? Solche Ambivalenzen müssen wir sichtbar machen.
Das Zeitalter der Angst
Welche Reaktionen löst das «Fürchte dich nicht … hab keine Angst» in unserer Zeit aus? Die einen sagen vielleicht:
Versuch nicht, mir Ängste einzureden! Sehe ich aus, als wäre ich ängstlich?
Andere hingegen sagen:
Versuch nicht, mir meine Angst auszureden! Nicht meine Angst ist das Problem, sondern das, was sie auslöst!
Jedes Zeitalter hat seine besonderen Ängste. Was sind die typisch spätmodernen Ängste, und wie steht es um die alten Ängste, die zurückgekehrt sind durch Kriege, Terror, Corona und Klimakatastrophe?
Wer profitiert von unseren Ängsten und macht ein dickes Geschäft draus? Und was passiert, wenn wir vor lauter Angst den Götzen der Sicherheit huldigen?
Mit derartigen Fragen wollen wir die Bedeutung und Verheissung der Jahreslosung für unsere Gegenwart aufleuchten lassen.
Foto von K auf pexels.com
