Exegese des Neuen Testaments und ihre neuen Entwicklungen

Ein Bericht von Thorsten Dietz über ein neues Methodenbuch

Auf der Herbsttagung der Dozierenden des Evangelischen Theologiekurses (ETK) hatten wir Prof. Dr. Jan Rüggemeier von der Universität Bonn zu Besuch. Wir hatten ihn gebeten – nicht zuletzt anlässlich der gerade erschienenen und erheblich erweiterten 2. Auflage des von ihm mit verfassten Buches Methoden der neutestamentlichen Exegese – uns einen Überblick zu neuen Trends der wissenschaftlichen Exegese des Neuen Testaments zu geben. An dieser Stelle möchten wir allen Interessierten mit einem kurzen Bericht einen Einblick in den Vortrag und das Buch geben.

1. Was ist neu?

Bei einem neuen Methodenbuch zur Exegese des Neuen Testaments stellt sich die Frage: Was ist daran neu? Zu Beginn seines Vortrags nahm Jan Rüggemeier die Methodenbücher früherer Jahre zum Massstab. Im Vergleich zeigte er, wie sich die Schwerpunkte neutestamentlicher Exegese verschoben haben.

1.1 Jenseits von diachron und synchron

Die ältere Exegese vor allem in Deutschland stellte diachrone Fragen stark ins Zentrum. Sie untersuchte vor allem die Entstehung der Texte. Welche ursprünglichen Formen lassen sich rekonstruieren? Welche Quellen eines Textes lassen sich rekonstruieren? Welche theologischen Akzente gehen auf die Endredaktion zurück?

Natürlich seien solche Fragen weiterhin relevant, von der Bestimmung des ursprünglichen Textes bis zur Rückfrage nach seiner möglichen Entwicklungsgeschichte. Zugleich ist die heutige Forschung sehr viel zurückhaltender als noch vor einigen Jahrzehnten. Allzu eindeutige Gewissheiten zu Quellen und literarischen Schichten haben sich in der Debatte vielfach nicht bewährt. Die Frage «Wie ist der Text geworden?» bezeichnete Rüggemeier zugespitzt als eine besonders deutsche Frage. In der internationalen Exegese werde häufiger gefragt: Wie funktioniert der Text, und was machen wir damit?

Seit Längerem bereichern literaturwissenschaftliche Methoden die Forschung, vor allem durch Impulse aus der internationalen, besonders der englischsprachigen Forschung. Eine Zeit lang war es üblich, die diachrone Analyse der Textentstehung von der synchronen Untersuchung der literarischen Struktur der Texte zu unterscheiden. Damit verbanden sich Debatten darüber, welche Fragestellung Vorrang habe und wie beide Perspektiven zusammengehören.

Im vorliegenden Methodenbuch tritt diese Unterscheidung mit ihrem grundlegenden Anspruch zurück. Synchrone und diachrone Perspektiven bilden keine starre Alternative. Je nach Text, Erkenntnisinteresse und Quellenlage können sie unterschiedlich ergiebig sein und einander ergänzen.

1.2 Neue Perspektiven

Die klassische Exegese verstand sich vor allem als historische Disziplin. Feministische und befreiungstheologische Zugänge blieben lange randständig. In früheren Methodenbüchern erschienen sie eher als mögliche Zusätze zu einem klassischen Kanon historisch-kritischer Verfahren.

Das neue Lehrbuch integriert diese Perspektiven sehr viel stärker in die exegetische Arbeit. Die Texte selbst thematisieren vielfach die Bedeutung von Geschlecht, von sozialem Stand und ethnischer Herkunft. Die Fragen nach Gender, Race und Class sind viel zu wichtig, um blosse Nebengleise der wissenschaftlichen Forschung zu sein. Je nach Text können feministische oder postkoloniale Fragestellungen zentrale Bedeutung gewinnen.

2. Alte und neue Aufgaben

Mit dem Akronym BESEN fasst das Lehrbuch die wichtigsten Methodenschritte zusammen. Im engeren Sinne bezeichnet es folgende Aufgaben:

  • Bestimmung des Textes (früher: Textkritik)
  • Entstehung. Wachstumsgeschichte des Textes (früher: Literarkritik bis Redaktionskritik)
  • Struktur. Gliederung und literarische Struktur (früher: Formkritik)
  • Erklärung. Interpretation im engeren Sinne: Was sind Bedeutung und Absicht des Textes?
  • Nachwirkung. Welche Wirkungsgeschichte hatte der Text und wie beeinflusst uns diese?

Die klassischen Aufgabenstellungen werden rezipiert, auch wenn sie heute längst nicht mehr so zentral sind wie früher. Darüber hinaus stellen sich grundlegende Aufgaben, die über die methodische Texterschliessung im engeren Sinne hinausgehen und für eine umfassende Auslegung dennoch wesentlich sind:

  • Fakten. Fragen nach historischer Plausibilität und Wahrheit
  • Bewertung. Theologische und anthropologische Inhalte in geschichtlicher und heutiger Perspektive
  • Themen. Systematische Aspekte und übergreifende Zusammenhänge
  • Neudarstellung. Heutige Vermittlung und praktische Weiterarbeit

3. Was heisst es, einen Text zu verstehen

Im Vortrag erläuterte Rüggemeier exemplarisch einige besondere Akzente der neuen Methodenlehre. Einen Schwerpunkt setzte er beim Schritt der Erklärung, also bei der Interpretation im engeren Sinne.

3.1 Der Handwerkskasten

Vor allem in deutschsprachigen Methodenbüchern dominierten Fragen der Textentstehung so stark, dass die Aufgabe, einen Text zu verstehen und nach seiner Bedeutung zu fragen, an den Rand geriet. Im vorliegenden Methodenbuch erhält sie besonderes Gewicht. Die Frage, was es heisst, einen Text zu verstehen, wird selbst zu einem zentralen methodischen Problem.

In gewisser Hinsicht besteht die grösste Kunst darin, diese Frage überhaupt stellen zu lernen. Gerade Menschen, die mit biblischen Texten vertraut sind, glauben, ihre Bedeutung oft schon zu kennen. Vermeintliche Vertrautheit kann ungründlich machen: Ungewohnte Signale und Leerstellen des Textes werden übersehen. Seit langem weiss man in der Exegese: Texte treffen immer auf tatsächliches oder vermeintliches Vorwissen.

Jedes Textverstehen baut auf einem Vorverständnis auf. Manchmal muss es sich mühsam von diesem absetzen.

Menschen verfügen über kulturell geprägte Schemata, durch die sie Aussagen einordnen. Wissenschaftliches Verstehen muss diese Voraussetzungen reflektieren und fragen: Welches Wissen aktiviert ein Text bei seinen Leserinnen und Lesern?

Ein Text liefert nie alle Informationen mit, die seine Rezipientinnen und Rezipienten zum Verstehen brauchen. Vieles wird vorausgesetzt, angedeutet oder durch kulturelles Wissen ergänzt.

Dabei lassen sich drei Ebenen unterscheiden:

  • Textsignale: Wörter, Sätze und Textstruktur
  • Vorwissen: Kulturell geprägte Schemata, Frames und Scripts
  • Verstehen: Mentales Modell und daraus gebildete Schlussfolgerungen

Historische Exegese fragt daher nicht nur: Was steht da? Sie fragt ebenso: Welches Wissen musste der Text bei seinen intendierten Rezipientinnen und Rezipienten aktivieren, damit sie Zusammenhänge herstellen und die Aussage verstehen konnten? Für diese Analyse sind besonders Frames und Scripts wichtig.

3.2 Was sind Frames und Scripts?

Kein Textverstehen fängt bei null an. Immer schon besteht ein Vorverständnis vom Thema und von der möglichen Bedeutung eines Textes. Mit der Unterscheidung von Frames und Scripts lässt sich diese Ebene genauer beschreiben und für die Interpretation nutzen.

Frames bündeln Vorstellungen davon, was etwas ist. Wer von einem König oder einem Messias liest, verbindet damit bereits bestimmte Merkmale und Erwartungen. Ein Text kann dieses Wissen bestätigen, verändern oder infrage stellen. Schon auf der Ebene der Übersetzung macht es einen erheblichen Unterschied, ob von Knechten oder Sklaven die Rede ist.

Scripts beschreiben, wie etwas typischerweise abläuft. Eine Gerichtsverhandlung, ein Krieg oder eine Debatte folgen erwartbaren Mustern, ebenso wie der Aufbau eines Briefes oder der Ablauf einer Rede. Abweichungen davon können für das Verständnis besonders bedeutsam sein.

Inferenzen verbinden Textsignale und Vorwissen. Mit solchen Schlussfolgerungen bilden Lesende aus dem Gesagten und dem vorausgesetzten Wissen ein mentales Modell. Interpretation muss deshalb auch diese Schlussfolgerungen kritisch prüfen.

Jedes heutige Verständnis von biblischen Ausdrücken (von Königsherrschaft Gottes über Sklaverei und Prostitution bis hin zu Abstraktbegriffen wie Freiheit und Liebe) muss solche Kontexte mitbedenken. Was wurde damals mit den Begriffen verbunden? Welches Vorwissen aktivierte der Ausdruck? Was verändert sich, wenn spätere Kontexte andere Erwartungen mitbringen?

Dabei sind die Grenzen des eigenen Wissens und der eigenen Verstehensmöglichkeiten anzuerkennen.

Wesentlich ist immer wieder die Einsicht: Unser Wissen über die Antike ist sehr fragmentarisch.

Historisches Verstehen bleibt deshalb eine Annäherung, die ihre Voraussetzungen und Unsicherheiten offenlegen muss.

4. Narrative Analyse

Ein zweites Thema des Vortrags war die Bedeutung von Erzähltexten und die Herausforderung ihrer Auslegung. Die klassisch historisch-kritische Bibeldeutung nahm die zahlreichen Erzähltexte der Bibel lange nicht hinreichend als literarische Herausforderung ernst.

Narrative Analysen wollen die Deutung von Erzähltexten methodisch nachvollziehbar und diskutierbar machen.

Darum fragen sie differenziert nach der erzählten Welt, nach Perspektiven, Figuren, Konflikten und Handlungsverläufen.

Exemplarisch verdeutlichte Jan Rüggemeier diesen Zugang am Thema der Figurenanalyse. Figuren tun mehr, als eine Rolle zu spielen. Folgende Fragen helfen zu einer umfassenderen Wahrnehmung:

  • Bestand. Wer erscheint in der Geschichte; und wer fehlt? Samuel Becketts Theaterstück Warten auf Godot zeigt, dass auch eine Figur, die gar nicht auftritt, grosse Bedeutung haben kann. Im Prolog des Markusevangeliums kommen Gott, Satan und der Heilige Geist vor; später werden sie (vor allem der Heilige Geist) nicht mehr in gleicher Weise als unmittelbar Handelnde genannt. Dennoch prägen sie den Deutungshorizont.
  • Merkmale. Was erfahren die Lesenden über eine Figur? Ausdrücklich genannte Eigenschaften, Redeweisen und Verhaltensmuster sind ebenso zu beachten wie Aussagen anderer Figuren.
  • Konstellation. Welche Beziehungen bestehen? Nähe, Distanz, Abhängigkeit und Gegnerschaft strukturieren die erzählte Welt und beeinflussen das Verständnis der Handlungen.
  • Handlung. Wer bewirkt was? Die Analyse fragt, wer Entwicklungen auslöst, auf Handlungen reagiert oder passiv bleibt. So wird sichtbar, wie die Erzählung Initiative und Verantwortung verteilt.

5. Neue Zugänge zur biblischen Welt

Historisch ist die wissenschaftliche Exegese stark von protestantischen Überzeugungen geprägt. Die Texte und besonders der Kanon standen dabei im Zentrum. In Exegese und biblischer Theologie erhielten sie ein Gewicht, das sie in dieser Form in der frühen Christenheit noch gar nicht haben konnten. Lesen und Schreiben waren im römischen Reich alles andere als selbstverständlich. Diese Einsicht öffnet den Blick für weitere frühchristliche Zeugnisse.

5.1 Material Turn

Materielle Zeugnisse helfen, historische Lebenswelten wahrzunehmen. Antike christliche Bilder zeigen Jesus etwa als Wundertäter mit einem Stab. Das irritiert heute, weil uns die Unterscheidung zwischen Magie und Wunder wichtig ist. Die Darstellungen legen jedoch nahe, dass manche Menschen Jesu Handeln mithilfe ihres kulturellen Vorwissens über wunderhafte Ereignisse deuteten. Bildquellen erschliessen somit Deutungsmöglichkeiten, die sich für spätere Lesende nicht einfach aus den Texten ergeben.

Die biblischen Texte sind wichtige und theologisch grundlegende Zeugnisse der christlichen Anfänge. Die Geschichte des frühen Christentums lässt sich nicht verstehen ohne Zuhilfenahme vieler anderer Medien, wie Bilder, Inschriften, Gebäude, die uns Wesentliches von den geschichtlichen Anfänge vermitteln.

Vor allem in der Video-Reihe Ein neuer Gott für Roms Imperium haben Jan Rüggemeier, Benjamin Schliesser und andere eindrücklich gezeigt, wie anschauliche Wissenschaftsvermittlung in der Theologie gelingen kann. In einer Reihe von Videos nehmen sie die Zuschauer:innen mit in städtische Zentren der frühchristlichen Welt. Einem breiteren Publikum wird in diesen Videos vor Augen geführt, was seit längerem Gegenstand der historischen Forschung ist.

5.2 Das erweiterte Christus-Universum

Vor allem im Protestantismus gilt der Kanon der Bibel als grundlegende Bezugsgrösse. Die starke Konzentration auf 27 Texte ist jedoch urchristlich nicht selbstverständlich. Biblische Stoffe wurden fortgeschrieben und ausgestaltet. Die kanonischen Texte standen in einem viel grösseren literarischen Umfeld. Die Kanonbildung beseitigte andere Überlieferungen nicht unterschiedslos: Einige wurden verworfen, andere galten als Ergänzung. Die Johannesoffenbarung wechselte in der Auslegungsgeschichte zwischen diesen Rollen.

Anhand gegenwärtiger Formate wie Star Wars zeigte Rüggemeier, dass wir auch die Unterscheidung von Canon und Spin-Offs kennen. Auch Figur wie Sherlock Holmes differenziert sich in Serien und Filmen immer weiter aus. Zugleich entstehen in diesem Nebeneinander immer wieder Hierarchien und Auseinandersetzungen darüber, welche Erzählungen massgeblich sind.

In der frühen Christenheit ist es ähnlich. Das Neue Testament ist nur ein Ausschnitt aus dem antiken Christusuniversum. Vorstellungen von Maria als unbefleckte Gottesmutter und Himmelskönigin leben teilweise stärker von späteren Fortschreibungen (wie dem Protevangelium nach Jakobus) als von den kanonisch gewordenen Quellen. Wer die frühchristliche Gedankenwelt verstehen will, muss diesen erweiterten Überlieferungsraum einbeziehen.

5.3 Avatare in der Exegese?

Heute erhalten auch Zugänge exegetische Aufmerksamkeit, die früher von der wissenschaftlichen Aufgabe getrennt wurden. Wissenschaft wollte die Texte in ihrer historischen Aussageabsicht erklären. Die Anwendung oder Applikation blieb von dieser Explikation möglichst klar unterschieden, damit gegenwärtige Interessen nicht in die historische Deutung zurückprojiziert werden.

Diese Unterscheidung bleibt wichtig. Zugleich sollte das Erkenntnispotenzial anwendungsbezogener Methoden nicht unterschätzt werden. Bibliodrama und Bibliolog arbeiten mit Gedankenexperimenten, die eine bestimmte Perspektive auf den Text eröffnen. Heute wird offener gefragt, ob solche Verfahren auch in der Exegese Beobachtungen ermöglichen, die anschliessend methodisch geprüft werden können.

Ein Beispiel ist der Einsatz von Avataren, wie er aus Computerspielen bekannt ist. Im Gamingbereich taucht man in einer ganz bestimmten Rolle in ein Universum ein. Ähnlich ist es als Gedankenexperiment möglich, sich in eine biblische Begebenheit in einer bestimmten Rolle hineinzuversetzen: Wie wirkt diese Handlung Jesu oder jener Brief des Paulus auf mich, wenn ich sie probeweise aus der Perspektive eines Sklaven, eines Soldaten, einer Frau oder eines Samariters in der damaligen Welt betrachte?

Solche Gedankenexperimente können auch exegetisch sinnvoll sein: Die Rolle lenkt den Blick auf Machtverhältnisse, Handlungsspielräume und Leerstellen. In Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Quellen lernt man zugleich auch immer wieder, die eigenen Vorstellungen über bestimmte Personengruppen in der Antike zu überprüfen. Solche Experimente ersetzen die historische Analyse nicht, sie werden um so notwendige und gewinnen neue Fragestellungen.

6. Fazit

Exegese war schon immer im Wandel. Ein historisch-kritischer Methodenwerkzeugkasten kann diese Bezeichnung nur in ständiger Bereitschaft zur Selbstkritik und Weiterentwicklung führen. Historisch-kritische Exegese bleibt lebendig, wenn sie ihre Voraussetzungen prüft, neue Quellen aufnimmt und die Grenzen ihrer Rekonstruktionen benennt.

Vielfalt der Deutungen war schon in der frühen Rezeption normal. Die Autorität der Texte darf daher nicht für Eindeutigkeiten beansprucht werden, die sie selbst nicht hergeben. Die Möglichkeit unterschiedlicher Deutungen besagt nicht, dass alles möglich oder gleich sinnvoll wäre. Eine Interpretation muss sich an Textsignalen, historischem Kontext und thematischer Kohärenz bewähren. So verbindet sich Offenheit für Vielfalt mit begründeter methodischer Kritik.

Für alle, die eine Zusammenfassung klassischer Methoden sowie deren Weiterentwicklung suchen, bietet die Neuauflage von Jan Rüggemeier, Lara Mührenberg und Sönke Finnern ein hilfreiches Update. Der Vortrag zeigte, wie breit Exegese heute fragt: wie Texte funktionieren, welches Vorwissen ihr Verständnis ermöglicht, in welchen medialen und materiellen Welten sie stehen und wie heutige Auslegung verantwortet werden kann.

Literatur

Rüggemeier, Jan, Finnern, Sönke, Mührenberg, Lara (2026): Methoden der neutestamentlichen Exegese. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. 2. Auflage, Tübingen: Mohr Siebeck

Dieser Beitrag ist Teil des Bibel-Dossier von Fokus Theologie.