Gottesbilder voll Gewalt

... und wir wir damit umgehen können | von Andreas Loos

Dieser Beitrag gehört zur Stoffwelt «Das Bibel Dossier».
Du kannst ihn direkt hier als pdf-Datei lesen oder herunterladen
Button zum Download

«Wieso ist das Alte Testament so voll mit Gewalt?» Diese Frage hat uns in der 82. Folge unseres Podcasts Geist.Zeit mit Sonja Ammann beschäftigt. Dabei gab es bereits einige Anregungen, wie wir heute mit den gewalthaltigen Vorstellungen des Alten Testaments von Gott umgehen können. Diesen Faden möchte aufnehmen und im Folgenden einen Überblick geben: Welche theologischen Möglichkeiten oder Strategien bieten sich uns heute, um Gottesbilder der Gewalt zu verstehen, zu deuten und damit umzugehen?

1. Der brutale Gott der Bibel

a) Der gewaltige Abstand zu unserer Gegenwartskultur

Zwischen der Art und Weise, wie das Alte Testament über Gewalt spricht, und unserer spätmodernen Sensibilität für die Verwundbarkeit des Lebens, klafft eine Lücke, die immer grösser wird. Denn in den vergangenen Jahrzehnten sind uns Formen von Gewalt bewusst geworden, für die wir lange kein Sensorium hatten: Häusliche und partnerschaftliche Gewalt, sprachliche und digitale Gewalt, strukturelle und institutionelle Gewalt, verletzende Mikroaggression, Herabsetzung und Diskriminierung, geschlechtsspezifische und queerfeindliche Gewalt, ökologische Gewalt … die Liste liesse sich noch lange fortsetzen.

Was wir heute wie als Gewalt erleben, deuten und verarbeiten, unterscheidet sich erheblich vom Gewaltverständnis altorientalischer Kulturen. Das gilt es im Auge zu behalten.

b) Die Kritik an einem gewalttätigen Gott

Dieser kulturelle Abstand wird besonders darin deutlich, dass die brutale Gewalttätigkeit, mit der Gott in der Bibel beschrieben wird, für die allermeisten Menschen heute nicht nur fremd oder anstössig, sondern abscheulich ist. Mit seinen berühmt-berüchtigten Worten hat der Atheist Richard Dawkins im Jahr 2006 den Nerv vieler Zeitgenossen getroffen:

«Der Gott des Alten Testaments ist […] die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethni­sch­er Säube­rer; ein frauen­feind­licher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sado­maso­chistischer, launisch-boshafter Tyrann.» (Der Gotteswahn, Berlin 2007, S. 45.)

Andere Religionskritiker wie Franz Buggle oder Kurt Flasch tragen diese Kritik nicht ganz so krass und polemisch vor. Sie erweisen dem christlichen Glauben einen echten Dienst. Denn sie decken eine Strategie des Umgangs auf, die unter Christen weitverbreitet ist: Die Strategie des Übergehens.

c) Die Strategie des Übergehens und Ignorierens

Viele Gläubige haben lediglich eine vage Ahnung, wie gewalthaltig die Gottesvorstellungen der Bibel sind. Vielleicht blenden sie das aus, weil für sie grundlegend klar ist, dass Gott ein Gott der Liebe ist. Vielleicht fühlen sie sich auch überfordert mit den herausfordernden Fragen.

Oft beruht diese Vermeidungsstrategie aber doch auf bestimmten Grundannahmen. Etwa, dass der Gott des Alten Testaments ein ganz anderer sei als der Gott und Vater Jesu Christi, dass es sich hier einfach um vorchristliche Gottesbilder handle.

Damit schneidet man den christlichen Glauben von seinen jüdischen Wurzeln ab und blendet zugleich aus, dass es auch im Neuen Testament – etwa in den Gerichts- und Strafandrohungen Jesu oder der Apokalypse des Johannes – Gottesbilder der Gewalt gibt. Zugleich geht man darüber hinweg, dass die Gewalttexte der Bibel eine dunkle Wirkungsgeschichte haben und bis heute zur Rechtfertigung von Kriegen herangezogen werden.

Probleme zu übergehen und zu ignorieren ist selten eine gute Strategie.

Der erste Schritt zu einem guten Umgang mit den Gottesbildern der Gewalt ist daher, die Bibel auch an dieser Stelle ungefiltert sprechen zu lassen.

d) Das Alte Testament spricht anders von Gewalt als wir

Gerlinde Baumann hat in ihrem Buch «Gottesbilder der Gewalt im Alten Testament verstehen» einen ausführlichen Überblick über die Forschungsansätze gegeben, die sich seit Ende der 1970er Jahre mit dem biblischen Gott als Gewalttäter beschäftigen (S. 37-79). Dabei zeigt sie, wie anders im Alten Testament Gewalt verstanden, erfahren und beurteilt wird. So gibt es keinen festgezurrten, abstrakten und systematischen Begriff von Gewalt.

Lediglich «chamas» ist als Subjektiv und Verb zur Bezeichnung von Gewalttaten prominent und durchweg negativ konnotiert. Sprachlich ist es im Hebräischen nicht möglich, zwischen legitimer, erstrebenswerter Macht (kraftvolles Agieren, lat. potestas) und illegitimer, verurteilenswerter Gewalttätigkeit (lat. violentia) zu unterscheiden.

Das Alte Testament spricht in grosser Breite, konkret und anschaulich von Gewalt. Das gilt auch für das Handeln Gottes.

e) Ein kurzer Überblick über Gottes gewaltiges und gewalttätiges Handeln

Ich möchte hier keine Effekthascherei betreiben, indem ich die krassesten und bluttriefendsten Passagen des Alten Testaments hervorhole. Wer mag, vertiefe sich mit Hilfe der angegebenen Literatur in die Details. Skizzenhaft lässt sich mit Raymund Schwager zusammenfassen:

  • An ca. 600 Stellen erzählt die Bibel, wie Völker, Könige oder einzelne Menschen sich grausam an anderen vergehen.
  • Ungefähr 1000 Stellen bringen Gott in direkte Verbindung mit brutaler Gewalt: Sein Zorn entbrennt, er bestraft mit Tod und Untergang, rächt sich.
  • An über 100 Stellen befiehlt Gott ausdrücklich, menschliches Leben zu vernichten (Brauchen wir einen Sündenbock?, S. 64-81).

Manchmal scheint es, als würde Gott sich selbst am vergossenen Blut berauschen:

„Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen, und mein Schwert soll Fleisch fressen, mit Blut von Erschlagenen und Gefangenen“ (5. Mo 32,42).

Andreas Michel hat die «Gott-und-Gewalt-Verben» in 14 Gruppen unterteilt und verdeutlicht damit gut, worum es geht (übernommen aus Baumann: Gottesbilder der Gewalt im Alten Testament verstehen, S. 29).

Gott/YHWH …

  1. rottet aus, vernichtet, reisst nieder
  2. schlägt, zerschmettert, durchbohrt, stösst, schiesst, haut und tritt
  3. tötet, schlachtet, macht kinderlos
  4. frisst, verschlingt, zerreisst
  5. macht krank, lässt schmerzen und hungern
  6. stachelt zum Kampf an, kämpft selber, greift an, feindet an, packt zu, sperrt ein, verfolgt, jagt
  7. zerstreut, vertreibt, führt ins Exil
  8. verwirft, wirft weg, wirft nieder, verlässt, lässt fallen
  9. erschreckt, verwirrt, macht trunken, verhärtet, verachtet, hasst, täuscht, demütigt, verspottet und zürnt
  10. vermindert, entblösst, schert, entzieht, beraubt, verbirgt
  11. stiftet Brand
  12. erzieht (teilweise) gewalttätig
  13. verflucht und verwünscht
  14. vergilt, sucht heim, spricht schuldig, handelt böse und negativ

Welche Ansätze bietet uns die Theologie, um mit diesen Gottesbildern der Gewalt umzugehen? In Anlehnung an den Überblick von Gerlinde Baumann (S. 72-79) stelle ich die wichtigsten Strategien kurz vor.

2. Strategien zum Umgang mit Gottesbildern der Gewalt

Keine der folgenden Strategien bietet die Universallösung für die komplexe Gewaltproblematik und die ganz unterschiedlichen Texte. Jede hat ihre Stärken und Schwächen. Und immer wieder wird eine Spannung spürbar, die sich so beschreiben lässt:

An Gott zu glauben heisst, sich ihm oder ihr existenziell anzuvertrauen, auf ihn zu hoffen und sie zu lieben. Der christliche Glaube lebt daher von Vorstellungen, die Gott als glaub-, hoffnungs-, vertrauens- und liebenswürdig abbilden.

Es ist die Aufgabe der Dogmatik, das Evangelium von der Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes zeitgemäss zum Ausdruck zu bringen. Dazu stehen die biblischen Texte eines gewalttätigen Gottes in spürbarer Spannung. Mit dieser Spannung gehen die unterschiedlichen Strategien auf je eigene Weise um.

a) Ausscheidung und Überwindung

Diese Strategie ist der des Übergehens und Ignorierens verwandt, weil sie zuungunsten der biblischen Texte ausfällt. Theologisch geht man hier von Eigenschaften oder Grundeinstellungen Gottes aus, die sein ganzes Handeln bestimmen – vor allem die Liebe. Oder man nimmt die gegenwärtigen ethischen Normen und Vorstellungen als Grundlage für ein Bild von Gott als höchster Moralinstanz.

Gottesbilder willkürlicher Gewalt werden folglich einer dogmatischen oder ethischen Kritik unterzogen. Die entsprechenden Texte werden für irrelevant erklärt oder aus der Bibel und Lesungen entfernt.

Eine extreme Variante dieser Strategie präsentiert Markion, der als Reformator und Stifter einer Erlösungsreligion gelten kann (ca. 85-160). Ähnlich wie die Gnosis trennt er zwischen einem guten und vollkommenen Gott und einem Gott, der die Welt erschaffen hat und sie wild und unbarmherzig richtet. Die Gewaltstellen des Alten und Neuen Testaments stammen von diesem zweiten, fragwürdigen Gott und gehören nicht in die christliche Bibel. 

In der Strategie der Überwindung geht man mit den biblischen Gewalttexten nicht so rigoros um. Wie oben bereits angedeutet unterscheidet man hier zwischen einem Gottesbild des Alten Testaments und der Offenbarung eines Gottes der Liebe durch das Kommen Jesu. Die gewalthaltigen Gottesvorstellungen des Alten Testaments gelten hier als überwunden und unbedeutsam für den christlichen Glauben.

Diese Strategie ist deshalb problematisch, weil sie Jesus und das Neue Testament in antijudaistischer Weise vereinnahmt und in Widerspruch setzt zum Alten Testament. Aus dogmatischen Gründen meint man, sich des Gewaltproblems entledigen zu können. Damit ist aber das Problem der Gewalt keineswegs gelöst.

Gewalttexte zu entfernen oder für unbedeutsam zu erklären, verschleiert die Tatsache, dass diese Texte immer wieder zur Legitimierung von Gewalt herangezogen wurden und werden.

b) Entwicklung und Evolution

Im Gegensatz dazu sind die Gewalttexte des Alten Testaments im Rahmen eines Entwicklungsmodells bedeutsam, weil sie eine Evolution erkennen lassen: Der Gott heiliger Kriege und eifersüchtiger Strafe lässt immer mehr davon ab, seine Ziele auf gewaltvolle Weiset zu erreichen. Bereits im Alten Testament zeigt sich diese Linie etwa in der ausdrücklichen Gewaltkritik (Am 2,14-16; Jes 2,4), in einem Gottesknecht, der sich durchsetzt, ohne zu schlagen und zu morden (Jes 52,13-53,12), einem Gott, in dessen Herz seine Barmherzigkeit entbrennt und ihn von den Wegen des Zornes umkehren lässt (Hos 11).

Kommt die Gewalt Gottes im Alten Testament an ihr Ziel? Oder ist dieses Ziel erst mit dem Kreuzestod Jesu erreicht?

Dass Gott sich entwickelt und – etwa als Reaktion auf die von ihm selbst verhängte Sintflut – eine echte Lernerfahrung macht, – «Und nie werde ich wieder schlagen, was da lebt, wie ich getan habe» (1Mo 9,21) – bedeutet eine biblische Dynamisierung der Gottesvorstellung. Damit sind auch nicht alle unbequemen Fragen geklärt.

Es entsteht aber das Bild eines Gottes, der sich einmischt und in die Gewalt dieser Welt verstricken lässt.

Schützen muss sich diese Strategie vor einer verflachenden, christologischen Leseart alttestamentlicher Texte.

c) Historische Einordnung und Erklärung

In unserer Podcasts haben wir letztens immer wieder gefragt, was das heisst: «Die Bibel historisch ernst nehmen?» Das lohnt sich auch an dieser Stelle:

Die historisch-kritische Forschung sucht nach den Gründen und Motiven dafür, dass Geschichten von Gottes Gewalt erzählt, aufgeschrieben, gedeutet und weitergeschrieben worden sind.

Es lässt sich beispielweise rekonstruieren, wie ein von den Grossmächten immer wieder aufgeriebenes Volk seine eigene Geschichte erzählt hat, um sich so – etwa durch übertriebene Erzählungen von Gottes gewaltigen Siegen über die Feinde – seiner Identität zu versichern. Die biblischen Texte von der Eroberung des Landes Kanaan sind keine historischen Kriegsberichte, sondern haben die theologisch-literarische Funktion, sich des eigenen Ursprungs zu vergewissern.

Ein anderes Beispiel sind die Erzählungen rund um den Fall Jerusalems, die Zerstörung des Tempels und das babylonische Exil (ab 597 v.Chr.). Sonja Ammann hat in der Podcast-Folge «Wieso ist das Alte Testament so voll mit Gewalt?» gezeigt, was in diesen Texten geschieht:

Eine Gruppe gebraucht biblische Texte, um Kriegserfahrungen und Gewalt zu erinnern, umzuformen, zu legitimieren, zu kritisieren und zu verarbeiten. Wie und was über Gewalt geschrieben und erzählt wird, das stimmt oft nicht überein mit dem, was tatsächlich an Gewalt geschehen ist.

Das dient dazu, ein Trauma-Narrativ zu entwickeln, mit dessen Hilfe nicht nur die Vergangenheit gedeutet wird, sondern zukunftsoffene Haltungen und Handlungen generiert werden.

Es ist die grosse Stärke dieser Strategie, dass sie den Opfern von Gewalt bis heute eine bleibende Stimme gibt. Sie kann erklären, warum und wozu diese Menschen sich einen gewalttätigen Gott erzählt und vorgestellt haben, der die Gewalttäter in seinem Zorn richtet und Rache übt.

Häufig handelt es sich um Gewaltfantasien, die eine aggressionsableitende und sogar gewaltbegrenzende Wirkung haben, weil Gott die Wiederherstellung der Gerechtigkeit überlassen wird. Das Blut, das hier fliesst, ist «Filmblut», so Moises Mayordomo im Podcast über die Gewaltszenen der Johannes-Apokalypse (ab 00:57:38).  

Zugleich ist das Gewaltproblem noch nicht damit gelöst, dass die entsprechenden Texte als teilweise unhistorisch und fiktiv erklärt werden. Zwar macht uns die historische Arbeit zunächst deutlich, wie fremd uns Gottesbilder der Gewalt heute sind und unseren ethischen Grundintuitionen widersprechen. Wir bleiben aber mit diesen Texten verbunden, weil sie eine schlimme Wirkungsgeschichte haben. Sie wurden und werden zur Legitimation von Gewalt, Krieg und sogar Shoa missbraucht. Eine üble Verkehrung der Opfer-Täter Relation, wenn die Mächtigen dieser Welt in ihrem gewalttätigen Handeln die Bibel zitieren.

d) Legitimation und Andersartigkeit Gottes

Ebenfalls mit historischen Mitteln verfolgt die Legitimierungsstrategie ein anderes, apologetisches Interesse, nämlich die Rechtfertigung des gewalttätigen Handelns Gottes.

Im Grossen und Ganzen hält man die biblischen Erzählungen für historisch und stellt die Gewalthaftigkeit der antiken Kulturen oder auch der kanaanäischen Völker zur Zeit des Alten Testaments dar. Gottes Gewalthandeln wird dann als sein vergeltendes Gericht über die sündhaften Feinde seines Volkes zu plausibilisieren versucht.

Zugrunde liegt dabei ein Bonifizierungskonzept nach dem Gott durch Gewalt schlimmere Gewalt verhindert und sein Volk schützt. Gewalt ist hier notwendiges Übel zur Verwirklichung des Guten.

Dort, wo Gott sich mit teils drakonischen Strafen gegen sein eigenes Volk wendet, kann man auf eine Pädagogik Gottes verweisen, durch die er zum Besseren hin erziehen will (z.B. Jer 30,11).

Eine gesteigerte Variante dieser Strategie legitimiert Gottes Gewalt nicht auf der Basis seines Weltverhältnisses, sondern unmittelbar aus dem Wesen Gottes. Gegen das einseitig verflachte Bild eines liebenden und gnädigen Gottes führt man hier Gottes heilige Unverfügbarkeit und Andersartigkeit ins Feld.

In seiner Gewalt offenbart sich der Gott der Bibel als gut und böse zugleich, als rätselhaft und janusköpfig.

Abgesehen davon, dass die Idee der Unverfügbarkeit Gottes selbst eine Verfügbarmachung Gottes mit sich führen kann, neigt diese Strategie dazu, die Menschen – vor allem die von Gewalt betroffenen – mit einem unberechenbaren Gott allein zu lassen.

Noch nicht einmal die Klage oder der Protest gegenüber Gott sind hier möglich, lediglich das fatalistische Hinnehmen des Gewaltgeschehens.

e) Die kruziforme Gestalt des Handelns Gottes entdecken

In seinem monumentalen Doppelwerk «The Crucifixion of the Warrior God. Interpreting the Old Testament’s Violent Portraits of God in Light ft he Cross» hat Gregory Boyd versucht, das Bild des gekreuzigten Gottes positiv mit den Gottesbildern der Gewalt zu verbinden. Selbst die Gewaltporträts Gottes, in denen er wie ein Kriegsgott gezeichnet wird, gehören aus guten Gründen in die Bibel. In ihrer Widersprüchlichkeit und Unverständlichkeit verweisen sie auf die Mitte der Bibel, auf das Bild eines Gottes, der sein Heil nicht mit Gewalt durchsetzt, sondern sich von der Gewalt der Menschen treffen und kreuzigen lässt.

Wer Gott ist und wie er sich gegenüber uns verhält, das hat er selbst definiert im Kreuzestod seines Sohnes: Gott ist Liebe, die sich sogar für die Feinde hingibt. Daher muss man das, was von Gottes gewalttätigem Handeln berichtet wird, lesen und verstehen durch die Christusbrille der gekreuzigten und gewaltlosen Liebe Gottes.

Auf diese Weise enthüllt sich unter der Oberfläche von Gewalt die kreuzesgemässe Gestalt des Handelns Gottes. Etwa dort, wo Gott sich im Exodus seines Volkes immer mehr vor dem Pharao und den Ägyptern zurückzieht, der Gewalt freien Lauf lässt, bis sie sich selbst verzehrt.

Genauso, wie man hinter der Gewalt des Kreuzes kaum die alles überwindende Liebe Gottes vermuten würde, so die Argumentation, würde man zunächst hinter den Gewalttexten auch nicht das kruziforme Handeln Gottes ahnen.

Dass Gott jene Gottesbilder, die ihn als gewalttätig porträtieren, nicht aus der Welt schafft, sondern sie erst einmal stehen lässt, aushält und dann in Jesus Christus durchkreuzt, steht im Zentrum dieser kruziformen Hermeneutik.

Die Vertreter dieser Strategie sind sich darüber im Klaren, dass nicht alle Texte der Bibel so gedeutet werden können um das Wesen der gekreuzigten Liebe Gottes zu erschliessen. Dass der Gott des Neuen Testaments kein anderer ist als der Gott des Alten Testaments, das vermag dieser Ansatz auf neue Weise zu zeigen. Ob dabei nicht doch die christologische Brille den Blick auf die Texte, ihre Fremdheit und Sperrigkeit verstellt, muss gefragt werden.

3. Gewaltsensible Rede vom Handeln Gottes

Ich hoffe, dieser geraffte Überblick bietet eine Basis dafür, das Thema Gott und Gewalt gegenwartsbezogen zu vertiefen und weiterzubearbeiten. Eine Möglichkeit wäre, nach einem gewaltsensiblen Denken über und Reden von Gottes Handeln zu fragen und dabei von den Stärken der vorgestellten Strategien zu profitieren.

a) Gewalttexte sind Räume, in denen die Stimme der Betroffenen erklingt

Die primäre Empfindsamkeit gilt den Personen, die von Gewalt betroffen und ihr ausgesetzt sind. Um ihretwillen ist den Gewalttexten der Bibel kein Abschied, sondern bleibende Bedeutung zu geben. Ihre Situation und ihre Stimmen finden durch die entsprechenden Bibeltexte einen bleibenden Raum im Christentum.

In diesem Raum ist es möglich, die eigenen Gewalterfahrungen zu erzählen, zu deuten, zu bewältigen und – wo nicht anders möglich – auszuhalten oder – wo unbedingt nötig – gegen sie zu protestieren und sie zu beenden.

b) Von Gewalt entstellte Gottesbilder um der Betroffenen willen in Kauf nehmen

Es kommt alles darauf an zu fragen: Wer spricht von einem gewalttätigen Gott wem gegenüber? Tun dies von Gewalt betroffene Personen, dann entstehen die entsprechenden Gottesbilder aus dem tiefen Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Nur ein gewaltiger Gott kann Adressat von Protest und Klage sein.

Wenn der Schrei nach Gerechtigkeit sich dann in Gewaltfantasien, Vergeltungsszenarien und Rachegelüsten ausdrückt und so auf Gott projiziert wird, entsteht eine Verdunkelung des Gottesbildes. Sie ist aber zu billigen, statt zu bereinigen.

Der christliche Glaube bietet uns hier einen wichtigen Spielraum, in dem Gottesvorstellungen situationsgemäss sind, ohne in eine Gotteslehre gegossen zu werden.

Dass Gott stärker ist als alle Gewalttäter, ist für Menschen, die der Gewalt anderer ausgeliefert sind, eine Quelle des Trostes, der Trotzkräfte und der Hoffnung. Dass dieser Gottesglaube in der Imagination und Fantasie brutal ausgeschmückt wird, ist ein Risiko, das in Kauf genommen werden darf.

c) Für Gottes Gewalterfahrung sensibel werden

Bevor wir Texte von Gottes Eifer, Zorn, Rache, Gericht und Gewalt aus guten Gründen kritisieren, könnte es angemessen sein, hinter diesen Gottesbildern das zu ahnen, was eben als kruziforme Liebe Gottes erwähnt worden ist.

Der Gott der Bibel ist ein Gott, der sich einmischt und verstricken lässt in die Gewalt dieser Welt. Er passt sich in gewisser Weise an, verliert seine göttliche Eindeutigkeit, wenn er auf der Seite der Gewaltbetroffenen steht und sie gewaltsam verteidigt. Und er wird selbst Opfer von Gewalt, ohne brutal zurückzuschlagen.

Walter Dietrich und Christian Link haben es in ihrem Buch über «Die dunklen Seiten Gottes» so ausgedrückt (S. 16):

«Die Texte, die wir befragt haben, weisen deutlich in eine bestimmte Richtung: Sie zeigen einen Gott, der mich einer provozierenden Parteilichkeit in die menschliche Geschichte ‘einmischt’, der sich mit seinem Zorn und seiner Rache in ihren Konflikten aufs Spiel setzt und in ihnen seine Gottheit riskiert. Unser theologisches Denken möchte Gott von allen grausamen, intoleranten und bedrohlichen Zügen reinigen. Nur dann meinen wir, ihn als Gott festhalten zu können. Vielleicht ist es aber genau umgekehrt. Vielleicht ist nur ein Gott, der sich selbst das Äusserste an Entfremdung, Schmerz und Betroffenheit zumutet, imstande, einer Welt Hoffnung zu geben, die an solchen Zumutungen leidet.»

d) Gottesbilder der Gewalt kritisieren

Die Bibel mutet uns eine Vielzahl von Gottesvorstellungen zu, die sich aneinander reiben und miteinander streiten. Vielversprechend scheint mir, im Alten wie im Neuen Testament jene Entwicklungslinie zu verfolgen, entlang der Kritik an Vorstellungen von göttlicher Gewalt geübt wird. So zeigt sich einerseits, dass die jüdische Tradition in keiner Weise als dunkle Hintergrundfolie missbraucht werden kann, auf der man das Bild eines christlichen Gottes der Liebe aufstrahlen lässt. Andererseits wird die Offenbarung Gottes im Leben und Sterben Jesu Christi so zum kritischsten Stein des Anstosses für alle, die einen allmächtigen und gewalttätigen Gott mit sich im Bunde sehen.

Wer meint, mit dem Hinweis auf Gottes Walten, die eigene Gewalt legitimieren und die eigene Positionsmacht verteidigen zu können, hat den gekreuzigten Gott gegen sich. Gott setzt sich nicht mit Gewalt durch, sondern in der Kraft seiner gekreuzigten Liebe (Röm 8,31-39).

Gewaltsensibel von Gott und seinem Weltengagement zu sprechen heisst, niemals hinter dem Rücken des Kreuzes Jesu über Gott zu reden.

4. Literaturhinweise

Hier findest Du weiterführende Literatur, von der ich selbst viel profitiert habe:

Fotos von Marco Bianchetti auf Unsplash und Jon Tyson auf Unsplash