Hanna Reichel: Wann, wenn nicht jetzt?

Eine Buchbesprechung von Thorsten Dietz

Heute die Bibel lesen?

Immer öfter bekommen wir bei Fokus Theologie die Frage gestellt: Wie können wir heute die Bibel lesen? Nicht in einer fundamentalistischen Verflachung, die keine Fragen und Spannungen zulässt, auch nicht in wissenschaftlicher Distanz, die die Texte immer tiefer in eine Vergangenheit rückt, die vielen zuletzt doch unvertraut bleiben wird. Wie können wir sie heute so lesen, dass sie uns stärkt, tröstet und herausfordert?

Zeitansage und geistliches Vademecum

Es gibt sicher viele gute Antworten auf diese Frage. Eine ist das Buch Wann, wenn nicht jetzt? 28 Lektionen für das Christsein heute (2026). Das neue Buch von Hanna Reichel ist Zeitansage und geistliches Vademecum in einem. Das Buch folgt dem klassischen Aufbau eines Gottesdienstes. Nach der Eröffnung folgen Hören und Antworten, Kommunion und schliesslich Sendung. In Zeiten des Sturms sind Verwurzelung und Orientierung wichtiger denn je. Der Untertitel zeigt, dass dieses Buch mit seinen 28 Lektionen ein Angebot für vier Wochen der Einkehr und Besinnung ist.

Das «Heute» aus dem Untertitel ist nicht einfach ein Heute des 21. Jahrhunderts, der Moderne oder auch dessen, was urbane Intelligenz dafür halten mag. Es ist das Heute der Zeitenwende, der Demokratiekrise. Das Heute politischer Polarisierungen und autoritärer Eindeutigkeitsangebote.

Für eine solche Zeit ist diese Ausrichtung auf elementare biblische Worte und Geschichten gedacht. Die ins Ungeheure angewachsene bibelwissenschaftliche Forschung unserer Zeit ist ein Segen. Und nicht selten ein so grosser, dass viele Theologietreibende sich kaum noch getrauen, einzelne Bibelworte für unsere Zeit ins Feld zu führen. Hanna Reichel traut sich das. Dieses Buch ist eine moderne Art von Bibel-Brevier. 28 Einheiten für 28 Tage, jede Einheit betitelt mit einem Bibelzitat. Die Bibelzitate sind mehr als Ornament. Sie sind nicht nur Aufhänger für Gedanken, die sowieso schon feststehen. Gerade weil die biblischen Texte aus einer anderen Welt sind, können wir uns an ihnen auf- und ausrichten.

Bibel als Lebensbegleitung

Das fängt schon beim englischen Titel der Originalausgabe For such a Time as This an. Es handelt sich um ein Zitat aus dem biblischen Buch Esther, dass im englischen Sprachraum grössere Bekanntheit erlangt hat als im deutschen. In einer Zeit, wo dem Volk Israel grösste Gefahr umfassender Verfolgung droht, ist die jüdische Esther im persischen Reich zur Hauptfrau des Königs aufgestiegen, ohne dass dieser weiss, dass es sich bei ihr um eine Jüdin handelt. Ihr Onkel Mordechai sagt ihr in der Stunde grösster Bedrohung:

«Und wer weiss, ob du nicht gerade für eine Zeit wie diese zur Königswürde gelangt bist?» (Esther 4,14)

For such a Time as This: In Zeiten wie diesen hat jeder Mensch seine eigene Herausforderung; und auch seine eigenen Gaben, Privilegien und Chancen, sich dem Bösen entgegenzustellen oder Gutes zu tun. Wie ein Leitmotiv zieht sich dieses Thema durch das Buch.

«Gib deine Privilegien nicht auf, aber versteck dich auch nicht hinter ihnen. Mache etwas aus ihnen und mit ihnen.» (71)

Die biblischen Impulse zu einem Christsein heute bringt Hanna Reichel mit einem ganz bestimmten Gestern ins Gespräch. Reichels bisherige theologische Forschung galt nicht zuletzt Karl Barth und seinem Umfeld, dem Kampf der Bekennenden Kirche mit dem Nationalsozialismus. Reichel weiss: Wo das Heute zur totalen Gegenwart wird, wo der nie versiegende Strom der Nachrichten mit ihren Empörungswellen in den Bann zieht, wächst die Gefahr, dass wir uns in Wut und Grübelei verstricken. Wir verlieren unsere Sammlung, unsere Mitte. Wo politische Auseinandersetzungen existenziell werden, wo sie demokratische Institutionen bedrohen und den Umgang aller mit allen verrohen lassen, hilft Gegenwut nicht mehr. Sie wird nur Teil der Spirale wechselseitiger Erregungen.

Lernen vom Widerstand der Bekennenden Kirche

Darum ist dieses Buch voller Impulse aus einer Zeit der umfassenden Krise. Was Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, Hannah Arendt und Etty Hillesum erfahren und eingeschärft haben, lässt uns auch heute bei Besinnung bleiben. Die jüdisch-christliche Tradition weiss es schon immer: Die präzise Erinnerung an frühere Gefährdungen und Befreiungen trägt auch in neuen Krisen. Die geistlichen Anregungen dieser Väter und Mütter des Glaubens vertiefen die biblischen Impulse. Schon bei Karl Barth kann man das lernen, bei diesem Theologen, der sich als sehr politischer Mensch ausgerechnet in der Zeit des Ersten Weltkrieges ausführlich – der Bibel zuwendet, um einem umfangreichen Kommentar zum Römerbrief des Paulus zu schreiben; nicht, um seiner Zeit zu entkommen, sondern um inmitten dieser Zeit neue Massstäbe zu gewinnen.

Mit diesem Buch wagt Hanna Reichel etwas Ungewöhnliches: Wann, wenn nicht jetzt? wendet sich an Menschen bzw. Menschengruppen, die Halt suchen. «Es ist nicht leicht, im Sturm ruhig zu bleiben. Aber es ist notwendig.» (20) Das gilt zumal in Zeiten wie diesen.

«Die Auflösung aller Spannungen ist ein Kennzeichen von Ideologie. Einfache Antworten und klare Lösungen sind das, was der Autoritarismus bietet.» (18)

Zugleich fällt Reichel auch nicht ins gegenteilige Extrem, bleibt nicht in blosser skeptischer Schwebe. Dass es nicht auf jede Frage einfache Antworten gibt, bedeutet keineswegs, dass alles unendlich kompliziert sein muss.

Widerstand gegen die Polarisierung

Wann, wenn nicht jetzt? ist eine Absage an das dualistische Denken unserer Zeit. In Zeiten, in denen konservative Werte missbraucht werden von autoritären und totalitären Kräften, betont Reichel: «Es ist bemerkenswert, dass ein bedeutender Teil des Widerstands im Dritten Reich aus konservativen Kreisen kam.» (105) Es muss keinen Gegensatz geben zwischen Menschen, die radikal nach Veränderung fragen oder konservativ auf Bewahrung dringen.

«Die Frage ist nicht, ob du dich als konservativ oder radikal einordnest, die Frage ist: Aus welchen Wurzeln schöpfst du Kraft und was willst du bewahren?» (105)

Theologie wird heute nicht selten als eine Kunst komplexer Theorieverknüpfungen zelebriert. Gerade weil Reichel diese Kunst gelernt hat, kann dieses Buch bieten, was gerade heute nottut. Eine Reduktion auf Wesentliches. Ohne Angst vor einfachen Sätzen. «Fühle all deine Gefühle, aber vertraue ihnen nicht unbesehen.» (31)

«Bleib, wo es unbequem ist. Bleib beim gekreuzigten Gott; bleib bei den gekreuzigten Menschen.» (118)

Zur spirituellen Tradition des Christentums gehört schon immer das Bewusstsein, dass keiner für sich allein fromm sein kann. Echte Frömmigkeit ist immer im Gespräch, lebt von der überschaubaren Gemeinschaft derer, die sich einander anvertrauen und zuhören. In einem substanziellen Anhang bietet das Buch eine Handreichung für solche Kleingruppen, die dieses Buch gemeinsam besprechen. Zu jedem Kapitel werden einige Fragen zur Reflexion zusammengestellt, Handlungsimpulse formuliert und Tipps zum Weiterlesen bzw. zur Vertiefung gegeben.

Theologie steht heute in existentiellen Herausforderungen. In dieser Welt ist gegenwärtig weitaus mehr bedroht als die Zukunft der Theologie. Wann, wenn nicht jetzt, wäre es Zeit, den Segen biblischer und zeitgenössischer Theologie fruchtbar zu machen für die Herausforderungen, vor denen so viele Menschen heute stehen?

Literatur von und zu Hanna Reichel

Reichel, Hanna (2026): Wann, wenn nicht jetzt? 28 Ermutigungen für das Christsein heute. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Hanna Reichel, After Method. Queer Grace, Conceptual design, and the possibility of theology. Louisville/Kentucky: Westminster John Knox Press 2023.

Siehe auch die Besprechung zu After Method bei Fokus Theologie.

Dieser Beitrag ist Teil des Bibel Dossiers.