1. Einleitung
Das Studium des Neuen und Alten Testaments gilt bis heute als Basis der wissenschaftlichen Theologie; nicht selten auch als ihre Mitte. In Kirche und Wissenschaft gilt dabei die historisch-kritische Bibelauslegung als selbstverständlicher Standard. Zugleich ist nicht zu übersehen: Nach wie vor fremdeln viele fromme oder interessierte Menschen mit den heutigen Bibelwissenschaften. Das ist eine Herausforderung der theologischen Hermeneutik.
Widersprüchliche Erfahrungen
Die Motive der Skepsis bzw. der Zurückhaltung sind vielfältig. Nicht wenige fragen sich:
- Heutige Bibelforschung macht einen komplexen Eindruck. Wenn selbst Theologiestudierende sagen, dass es lange dauert, bis man einen Überblick gewinnt – wie sollen dann normale Gläubige eine Chance haben, auch nur Grundzüge heutigen Wissens nachvollziehen zu können?
- Andere sagen, dass die wissenschaftliche Bibelauslegung vor allem im Westen stark ist, da, wo immer weniger Menschen die Kirche besuchen oder die Bibel lesen. Natürlich sind solche Vergleiche aufgrund der völlig anderen Demographie der verglichenen Weltregionen problematisch; aber manche macht das nachdenklich.
- Viele Menschen fragen nach einem praktischen Gewinn des Bibellesens, nach persönlicher Erfahrung und Stärkung. Verbaut der historische und rationale Zugang zur Bibel nicht das Wesentliche: eine lebendige Erfahrung mit den Texten und ihren Erzählungen, ja mit Gott?
- Beharrlich werfen andere den Bibelwissenschaften vor, von problematischen Voraussetzungen auszugehen, bei denen man gar nicht mehr in der Lage ist, Gottes Wort in der Bibel (geschweige denn die Bibel als Gottes Wort) zu hören. Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?
Es sind mehr Menschen, als man meint, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Aber das sind natürlich nicht die einzigen Stimmen in der Debatte.
- Bis heute gibt es immer wieder Menschen, die für wissenschaftliche Exegese Feuer fangen, die in lebenslanger Begeisterung die Bibel studieren.
- Die moderne Exegese ist keine zeitgeistige Angelegenheit, keine Modeerscheinung. Sie wird seit Jahrhunderten betrieben, inzwischen längst weltweit, in allen Konfessionen und allen Frömmigkeitsrichtungen, auch pietistisch-evangelikalen.
- Bibelwissenschaft war und ist für viele eine Befreiungsgeschichte. Ihre kritische Hinterfragung traditioneller Überzeugungen war hilfreich für alle, die mit vermeintlich eindeutigen Bibelinhalten (Männlichkeit Gottes, biblische Sexualethik, Ablehnung der Evolutionslehre etc.) schlechte Erfahrungen gesammelt haben.
- Angesichts des rasanten Wandels des Denkens in der Moderne war der Ansatz der Bibelwissenschaften, nicht gegen, sondern in Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Welt von heute die Bibel zu lesen, eine entscheidende Glaubenshilfe, ja sie hat schon vielen den Glauben gerettet.
Eine Frage der Hermeneutik
Viele dieser Grundsatzfragen werden in der Theologie immer wieder diskutiert, nicht nur in der Exegese, sondern auch in den historischen und systematischen Disziplinen der Theologie. Viele Fragen haben mit der Hermeneutik der Bibel zu tun, dem Nachdenken über Verstehen und Auslegung der Bibel.
An dieser Stelle möchte ich einen Überblick zum Ertrag hermeneutischer Überlegungen in den letzten Jahrzehnten geben. Dabei gehe ich aus von einem Buch, das jetzt schon als Klassiker gelten darf: Ulrich Luz und seine Theologische Hermeneutik des Neuen Testaments (2014).
2. Historisches und dogmatisches Verstehen der Bibel
Ein klassischer Vorwurf gegen die Bibelwissenschaften lautet, dass sie sich im Namen der Wissenschaft über die Autorität der Schrift erheben. Wo biblische Aussagen Widerspruch erfahren, werde das sogenannte protestantische Schriftprinzip in Frage gestellt. Gemeint ist mit diesem «Schriftprinzip» die Betonung der besonderen Autorität der Bibel, die oft mit der Formel sola scriptura, allein die Bibel unterstrichen wurde.

Krise des Schriftprinzips?
Hat die moderne Bibelwissenschaft durch ihre kritische Grundhaltung die Autorität der Bibel beseitigt? In der Tat, das Schriftprinzip des Protestantismus ist seit langem in der Debatte. Luz hat schon in den 1990er Jahren in einem einflussreichen Aufsatz diese Frage aufgegriffen. Weit über die modernen Bibelwissenschaften hinaus, beobachtet er: Die Geschichte des Protestantismus scheint «eine einzige Widerlegungsgeschichte des protestantischen Schriftprinzips zu sein.» (Luz 1997, 28)
Die Krise des Schriftprinzips beginnt keineswegs mit der modernen Exegese. Im Zeitalter der Aufklärung war historische Bibelauslegung zunächst einmal Protest, öffentlicher Widerspruch gegen das, was die Kirchen bis dahin bestimmte: dogmatische Schriftauslegung. Widersprüche erfahren in der Regel nicht biblische Aussagen, sondern eine Form der Schriftauslegung, die in der Bibel vor allem Belegstellen suchte für die Begründung und Richtigkeit kirchlicher Lehren.
Wurzeln der Bibelwissenschaften in der Reformation
Mit ihrer Infragestellung dieser dogmatischen Schriftauslegung ging die historische Bibelforschung zurück auf die Reformation. Wurde nicht schon hier protestiert gegen eine Bibelauslegung, die vollständig von Tradition und Lehramt bestimmt war? Was war denn das sola scriptura anderes als ein Zurück zu den Quellen? Gerade im protestantischen Bereich gehört diese Anknüpfung an die Reformation zum theologischen Selbstverständnis.
Dabei ist die Situation im 18. und 19. Jahrhundert schon anders. Die Reformationskirchen haben nicht schon im 16. Jahrhundert das historische Denken entwickelt, wie es uns vertraut ist. Vielfach hiess sola scriptura: Vorrang für eine andere Paulusdeutung als diejenige, die in der kirchlichen Bibeldeutung bislang ausgebildet worden war. Luther, Zwingli und die anderen bemerkten mit Recht, dass viele kirchlichen Lehren sich angesichts genauerer Bibel- und vor allem Pauluslektüre nicht halten liessen.
Protestantische und katholische Bibelauslegung waren im 16.-18 Jahrhundert gleichermassen dogmatisch. Schriftauslegung stand sehr weitgehend im Dienst der Verteidigung der eigenen Lehrüberzeugungen. Für den kirchlichen Protestantismus war es ein Schock, dass die Bibelauslegung der Aufklärung auch die eigenen protestantischen Überzeugungen in Frage stellte – im Namen der Bibel.
Historische und theologische Dimension der Exegese
Es gehört zu den Stärken der Hermeneutik von Ulrich Luz, dass er den Weg der Exegese nie einfach nur verteidigt, sondern immer auch zugleich mögliche Gefahren in den Blick nimmt. So sehr die verstärkte Betonung einer historischen Frage nach dem Sinn der Bibel wesentlich war, haben er selbst und viele andere auch ein Problem bemerkt.
Wenn die historisch-kritische Bibelauslegung als wissenschaftliche Disziplin an den Universitäten betrieben wird – muss sie sich selbst fernhalten von allen theologischen Aussagen über Gott? Ist die Exegese reine Altphilologie, die jeden religiösen Gegenwartsbezug um ihrer Wissenschaftlichkeit willen abwehren muss?
Aber schon zu Beginn betont Luz, dass «ein Text, der nur historisch verstanden ist, noch nicht wirklich verstanden ist» (Luz 2014, 3) Luz erinnert an die grosse theologische Erneuerungsbewegung des 20. Jahrhundert. Die Wort-Gottes-Theologie, wie sie von Karl Barth, Rudolf Bultmann und anderen begründet wurde, ist in der Geschichte der Exegese wohl vielfach kritisiert worden für ihren dogmatischen Zugriff auf die Bibel. Aber es ist doch unübersehbar: Es ist diese theologische Strömung, der die Exegese für viele Jahrzehnte und letztlich bis heute ihre zentrale Bedeutung für das Gesamte der Theologie verdankt.
Widersprüche sind manchmal herausfordernd. Recht verstanden, halten sie uns lebendig. Historische Fragen stellen gewohnte kirchliche Überzeugungen in Frage. Aber im Betrieb der immer differenzierteren Detailarbeit an den Texten und ihrer Welt, braucht es auch den umgekehrten Widerspruch. Eine Arbeit an Bibeltexten, die am Ende nicht mehr zur Theologie beiträgt, macht die Fachbereiche überflüssig, die gegenwärtig noch die Basis dieser Forschung darstellen.
3. Exegese als Anwalt der Fremdheit der Texte
Ein weiterer typischer Vorwurf an die Exegese ist die vermeintlich unüberschaubare Vielfalt ihrer Ergebnisse. Die Exegese ist in den letzten Jahrzehnten bereichert worden durch unterschiedliche Formen der kontextuellen Auslegung. Befreiungstheologische, feministische oder zuletzt auch queere Auslegungen haben frühere Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt.
Sie haben auch auf Machtverhältnisse verwiesen, gezeigt, welche Menschen auch in biblischen Texten schon unsichtbar gemacht worden sind. Sie haben eine Hermeneutik des Verdachts entwickelt, der kritischen Hinterfragung der Machtverhältnisse in biblischen Zeiten und auch Texten. Dass das Anliegen der Befreiung von Menschen sich auf biblische Texte selbst berufen kann, ist heute nicht strittig.
Hermeneutik des Verdachts
Der Exegese wird teilweise unterstellt, ihr ginge es um eine Anpassung der Bibel an heutige Bedürfnisse. Das Gegenteil ist richtig. Ja, es gibt Umgangsformen mit der Bibel, die auf Selbstbestätigung hinauslaufen. Konservative und progressive Bibeldeutungen haben eine grosse Kunst entwickelt, in der Berufung auf die Bibel herauszufinden, dass die Bibel der eigenen Community und ihren Werten vollständig recht gibt. Verwunderlich ist das nicht, das ist normal.
«Wenn wir uns nicht ernsthaft um die Alterität eines Textes bemühen, werden wir in ihm nur unsere eigene Stimme hören.» (Luz 2014, 117)
Für Luz ist es an dieser Stelle entscheidend, die historische Auslegung und die heutige Rezeption nicht voneinander zu trennen, jedoch auch immer wieder zu unterscheiden. Es ist problematisch, wenn Gegenwartsfragen und -Interessen sich zu früh für die Auslegung als alleinbestimmend erweisen. Wichtig bleibt die klassische Unterscheidung von Explikation und Applikation. Im deutschen Sprachraum hat Klaus Berger diesen Grundsatz stark betont. Letztlich gibt es an dieser Stelle einen breiten Konsens.
Auch evangelikale Autoren wie Richard B. Hays betonen diesen Grundsatz, vor allem im Zusammenhang mit ethischen Themen. Man muss deutlich unterscheiden zwischen der deskriptiven Auslegung eines Textes als einer Schrift seiner Zeit; und der synthetischen Aufgabe, die Texte mit unseren Fragen und Herausforderungen ins Gespräch zu bringen. Dabei ist es selbstverständlich, dass die Aufgabe einer deskriptiven Erklärung immer nur annäherungsweise gelingen kann. Denn natürlich bringt sich unser Vorverständnis und die bisherige Auslegungstradition immer schon zur Geltung.
Gerade weil das so ist, bleibt der Grundsatz wichtig. Die Texte und ihre Aussagen hören und lesen zu lernen, das ist eine immer neue Herausforderung.
4. Die Gefahr der Beliebigkeit
Eine andere häufige Kritik an der Exegese macht sich an der vermeintlichen Beliebigkeit ihrer Ergebnisse fest. Vielfalt ist nicht immer leicht zu ertragen. So wie es den Kalauer gibt, dass man bei 5 Juristen 6 unterschiedliche Positionen oder bei 5 Ärzten 6 unterschiedliche Diagnosen bekomme, so gibt es natürlich auch die Theologie-Variante: 5 Exeget:innen bieten für Auslegungsprobleme 6 Deutungen. Gibt es in der Bibelwissenschaft keine verbindlichen Erkenntnisse mehr?
Nun ist das zunächst einmal ein Befund, der für die Kirchen insgesamt gilt. Selbstkritisch stellt Luz Entwicklungen in den Reformierten Kirchen der Schweiz in Frage. Schon im 19. Jahrhundert hat man sich von den einst so zentralen Bekenntnissen als Lehr- und Glaubensverpflichtungen gelöst. Das war sicher für viele Zeitgenossen eine befreiende Erfahrung. (Vgl. unsere Geist.Zeit-Folge zur Bekenntnisfreiheit in der Schweiz)
Aber was bedeutet das in einer pluralen Gesellschaft? Wofür steht die Kirche? Hier und da habe man versucht, die Offenheit für Vielfalt zu einem Profil der Reformierten Kirche zu machen. Luz findet das nicht überzeugend.
«In einer sich als offen verstehenden Gesellschaft braucht es keine zusätzliche Institution, deren Profil ebenfalls «Offenheit» ist.» (Luz 2014, 10).
Man mag an dieser Stelle den ängstlichen Gedanken bekommen: Kann denn wirklich – nur noch ein Papst uns retten? Eine Instanz, deren Auslegung zumindest für eine Kirche Geltung beanspruchen kann? Oder sollten im Protestantismus wenigstens Synoden und Kirchenleitungen mutiger bestimmen, was jetzt gilt?
Für Luz ist Kommunikation nicht nur der Anfang, sondern auch der Weg.
«Das Prinzip des Dialogs ist das grundlegendste Axiom meiner Hermeneutik.» (Luz 2014, 104)
Es fällt nicht schwer, sich die Einwände vorzustellen: Wir sollen Gott hören und ihm gehorchen und keine Dialogkultur etablieren! Der Anspruch vieler traditioneller Bibelauslegungen in allen Ehren. Aber allzu oft hat man Überzeugungen der eigenen Zeit in die Bibel hineingelesen. Diese Gefahr gibt es immer schon, natürlich auch in den heutigen Bibelwissenschaften. Es gab aber noch nie eine Zeit, wo man sich dieser Gefahr so bewusst war wie heute.
5. Das Evangelium als Mitte der Bibel?
Die Bibel ist vielfältig. Und wie gesehen, kann es nicht darum gehen, diese Vielfalt wegzuerklären. Alle, die die Bibel unvoreingenommen lesen, bemerken das:
- Viele Jesuserzählungen werden in den 4 Evangelien ähnlich, aber mit unvereinbaren Differenzen wiedergegeben.
- Die Gebote und Ordnungen in den 5 Büchern Mose sind voller Varianten, die sich nicht vereinheitlichen lassen.
- Die Reden Hiobs und seiner Freunde sind selbst nach Aussage des Buches unvereinbar. Vergleichbare theologische Differenzen gibt es auch zwischen Büchern wie Sprüche und Kohelet.
- Die Aussagen zum Umgang mit Ehen z.B. mit Fremden (z.B. Moabitern, vgl. die Bestimmungen in Dtn 23,2ff und im Buch Rut) sind widersprüchlich.
«Die Bibel lässt sich nicht vereinheitlichen.» (Luz 2014, 146)
Luz geht auf die vielfältigen Versuche ein, so etwas wie einen Kanon im Kanon oder eine Mitte der Schrift zu bestimmen. Die Ergebnisse sind vielgestaltig. Ist es eine Christologie? Der historische Jesus und seine Reich Gottes Verkündigung? Das reformatorisch gedeutete Evangelium von der Rechtfertigung?
Weder Kanon im Kanon noch Mitte der Schrift
Diese Diskussionen sind in den letzten Jahrzehnten vielfach geführt worden. Gerade von der Exegese her zunehmend skeptisch. Die Rede von der Mitte der Bibel stand allzu oft im Dienst der Idee, dieses oder jenes an den Rand zu schieben.
Ist es am Ende unmöglich, von so etwas wie einer biblischen Botschaft zu reden? Führt das konsequent zu Ende gedacht nicht auch zur Auflösung von christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften?
Für Luz ist der Abschied von einheitlichen Lehrsystemen unausweichlich. Die Bibel lässt sich nicht mehr für die Richtigkeit bestimmter konfessioneller Eindeutigkeiten instrumentalisieren. All das wurde vergeblich Jahrhunderte lang versucht.
Grundsätzlich muss die Exegese die Vielfalt der Bibelauslegungen ernstnehmen. Dazu verhilft nicht zuletzt das Wissen um die vielfältige Wirkungsgeschichte der Bibel. Die Geschichte der Auslegung der Bibel ist für Luz ein Weg zum Verstehen selbst. Wir begegnen dem Text niemals voraussetzungslos; wir stehen immer schon in einer Geschichte von Interpretationen. Deshalb hilft die Wirkungsgeschichte, unsere eigene Beziehung zum Text zu erkennen. Wer den Römerbrief liest oder die Johannesapokalypse, hat mindestens eine Vorahnung, mindestens so viel, dass es jetzt besonders wichtig oder auch besonders strittig wird.
Gerade die moderne Exegese weiss um ihre Relativität. Sie weiss, dass andere Zeiten unter anderen Denkvoraussetzungen zu ganz anderen Erkenntnissen kamen und auch nur kommen konnten. Die Wirkungsgeschichte hat den Blick geschärft, wie vieles daran wertvoll war; und manchmal auch einseitig.
Die Jesus-Christus-Geschichte als Rahmen der Wahrheit
Das heisst nicht, dass der biblische Kanon ein einziges Chaos darstellt. Wenn es auch nicht das Zentrum in Form einer klaren Lehre gibt, kann man natürlich leicht sagen, was im Neuen Testament zentral ist. Faktisch ist es eindeutig, dass alle neutestamentlichen Schriften die Bibel Israels von Jesus her und auf ihn hin lesen. Die Jesus-Christus-Geschichte ist die Grundidee der vier Evangelien. Paulus und alle weiteren Schriften bleiben in ihrer Christusverkündigung auf diese Geschichte bezogen.
Die Jesusgeschichte bildet den gemeinsamen Bezugspunkt der neutestamentlichen Schriften und der späteren Auslegungsgeschichte. Problematisch wird es da, wo diese Mitte dingfest und verfügbar gemacht wird. Grundsätzlich kann Luz als Auslegungsregel formulieren:
«Im Blick auf die vergangene Geschichte Jesu ist eine Interpretation eines neutestamentlichen Textes dann wahr, wenn sie den Grundlinien der Geschichte von Jesus Christus und seiner Botschaft von Gott entspricht.» (Luz 2014, 531)
Zurückhaltend fügt er auch hinzu: Diese Regel ist nicht eins zu eins auf das Alte Testament anzuwenden. Jede Form der christlichen Vereindeutigung der Bibel Israels verbietet sich heute, historisch und theologisch.
Die Regel der Liebe
Und weiter: es ist auch keineswegs unklar oder beliebig, wofür Jesus stand. Wenn seine Geschichte den Rahmen bildet für alles, was im Neuen Testament als wahr und christlich gelten kann, so kann man hinzufügen, was inhaltlich entscheidend ist.
«Im Blick auf den erhöhten Christus ist eine Interpretation eines biblischen Textes dann wahr, wenn sie Liebe schenkt oder bewirkt.» (Luz 2014, 547)
Dass in Jesus Christus Gott erkennbar wird als der Liebende, und dass diese Liebe Geschenk, aber auch Stiftung eines neuen, von Liebe geprägten Lebens ist, das ist zentrale christliche Einsicht. Und gerade den biblischen Texten selbst verdanken wir die Einsicht, dass diese Wahrheit nicht durch immer präzisere Lehrgestalten wahrer wird; sondern durch unser Leben, durch unsere Worte und Taten.
6. Die Bibel mit Widersprüchen lieben
Bibellesen mit Widersprüchen – in solchen Erfahrungen war für mich selbst die Lektüre von Luz Hermeneutik eine befreiende Erfahrung. Ich selbst hatte in meinem Theologiestudium vielfach gehadert mit der historisch-kritischen Bibelauslegung. Ist diese nicht zu absolut mit ihren Erkenntnisansprüchen? Wird Luthers Überwindung der absoluten Autorität des kirchlichen Lehramts durch die Berufung auf das sola scriptura nun verschenkt durch die Einführung eines Lehramtes der wissenschaftlichen Auslegung?
Verliert sich die vor allem deutsche Exegese nicht in einem rationalistischen Kreisen um Hypothesen? Wo bleibt die theologische Auslegung? Wie gewinnen wir die geistliche Dimension der Schriftauslegung zurück?
Was ich bei Luz in gebündelter Form vorfand, war für mich zuerst dies: Ja, die Fragen nach der Autorität der Bibel, der Vielfalt der Auslegungen und die Beliebigkeit von Deutungen, das sind alles berechtigte Anliegen, die als echte Fragen ernst zu nehmen sind. Bibelauslegung weiss, dass sie nicht alles ist. Sie ersetzt weder Bibelfrömmigkeit noch Predigt, sie suspendiert erst recht nicht von der Nachfolge. Und ihre Rückfrage nach dem ursprünglichen Sinn bleibt unverzichtbar, wo Bibelauslegung nicht beliebig werden soll.
Viele dieser Impulse von Ulrich Luz sind meines Erachtens hoch aktuell und noch nicht immer Allgemeingut. Hier und da kann die Exegese sich besinnen auf Einsichten, die längst gewonnen sind. Überzeugend fand ich nicht zuletzt die Beobachtung, dass auch Luz Hermeneutik von einer Frage umgetrieben ist, deren Antwort keineswegs schon von der neueren Exegese erbracht worden sei.
Die «wichtigste Grundfrage einer neutestamentlichen, theologischen Hermeneutik» lautet, «wie es denn heute … möglich sein könnte … von Gott zu reden.» (Luz 2014, 15)
Alle Formen der historischen und literarischen Auslegung stehen letztlich im Horizont dieser Frage: Können wir diese Geschichte der biblischen und kirchlichen Rede von Gott heute fortsetzen? In Respekt vor dem bisherigen Weg und mit eigenen Worten angesichts unserer heutigen Situation?
Literatur
Ulrich Luz: Theologische Hermeneutik des Neuen Testaments. Neukirchen-Vluyn 2014.
Ulrich Luz: Was heisst sola scriptura heute? Ein Hilferuf für das protestantische Schriftprinzip. Ev.Th. 57,1 (1997), 28-35.
Richard B. Hays: The Moral Vision of the New Testament: Community, Cross, New Creation. A Contemporary Introduction to New Testament Ethic. Harper Collins 1996.
Dieser Beitrag ist Teil des Bibel Dossier
