Ist die Bibel Gottes Wort?

Ein Beitrag von Thorsten Dietz

1. Umstrittene Bibel

Fragen um die Bibel polarisieren bis heute. Für viele Menschen weltweit ist die Bibel die absolute Autorität ihres Lebens. Für andere ist die Bibel in erster Linie gleichgültig. Wieder andere haben eine negative Fixierung auf alles Religiöse entwickelt und bringen ihre Ablehnung der Bibel öffentlich wo immer es geht zum Ausdruck.

Es gab Zeiten, wo eine konservativ-bibelgläubige Einstellung in Europa belächelt wurde. Doch den meisten ist das Lachen vergangen.

Bibeltreue Gruppen haben in den letzten Jahren erheblich an Einfluss gewonnen, vor allem in Ländern wie den USA oder Brasilien, wo sie einen hohen, oft wahlentscheidenden prozentualen Anteil an der Bevölkerung haben. Zugleich wächst zumindest in vielen westlichen Ländern der Anteil derer, die Religion nicht nur für überholt oder irrelevant halten, sondern für gefährlich. Nicht selten wird auch die Bibel dafür verantwortlich gemacht.

Etliche verbinden mit der Bibel die Vorstellung eines archaischen Werkes mit überholtem Weltbild und fragwürdiger Moral.

Sie halten die Bibel für ein Buch, in dem sich nichts als religiöser Absolutismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit, die Verdammung Andersgläubiger und die Absage an Vernunft und Wissenschaft findet.

Kirche und Theologie, wie wir sie aus Europa kennen, stehen nicht selten etwas ratlos zwischen diesen Fronten. Seit der Aufklärung lesen kirchliche Protestanten (und spätestens auch im 20. Jahrhundert viele Katholiken) die Bibel historisch und bei Bedarf kritisch und können sich nur wundern über Formen einer radikalen Bibelfrömmigkeit. Zugleich empfinden sie die Bibel- und Kirchenkritik eines neueren Atheismus nicht selten als ähnlich eindimensional, wie man es von fundamentalistischen Religiösen kennt. Angebote eines aufgeklärten Bibelumgangs gibt es zahlreiche. Laut und sichtbar sind oft die einfachen Antworten.

2. Die Bibel bleibt interessant

Es gibt diese lauten Stimmen, die nichts als Schwarz oder Weiss kennen. Jeder kennt solche extremen Ansichten. Zugleich muss man sich wie bei vielen anderen Themen klar machen, dass Lautstärke und Mehrheit zweierlei sind.

Tatsächlich sind die Einstellungen zur Bibel sehr viel vielfältiger und interessanter. Das zeigt ein Blick in die Leipziger Bibel-Studie Dimensionen biblischer Relevanz. Zunächst stellt man in einer für die Gesamtbevölkerung repräsentativen Studie das Erwartbare fest: die Bibel wird mehr gekauft und besessen als gelesen und gekannt. Die Bibel ist nach wie vor weit verbreitet. Aber mehr als die Hälfte der Bevölkerung beschäftigt sich faktisch gar nicht mehr mit ihr. Auch bei den Kirchenmitgliedern liest nur eine kleine Minderheit regelmässig in ihr. Das sollte niemanden überraschen. Es ist keineswegs so, als wäre die Bibel in früheren Zeiten wie selbstverständlich von der Mehrheit regelmässig gelesen worden. Intensives Bibelstudium war immer schon eine Sache kleiner Minderheiten.

Und doch gehört die Bibel dazu. Die Aussage: «Ich finde es interessant, was in der Bibel steht.“ findet hohe Zustimmung, bei 64,1 % der Katholiken, 69,8 % der Protestanten und immerhin noch 40,3 % der Konfessionslosen. (24)

Kann es sein, dass es zumindest insgeheim eine höhere Nachfrage nach Bibelthemen gibt, als man selbst in den Kirchen manchmal meint?

Auch sonst finden sich etliche überraschende Befunden. So stimmen zwei Drittel von allen und sogar mehr als drei Viertel der intensiven Bibellesenden der Aussage zu: «Es ist bereichernd, wenn es unterschiedliche Bibelauslegungen gibt.» (27) Offensichtlich ist häufige Bibellektüre längst nicht immer mit fundamentalistischem Willen zur Eindeutigkeit verbunden. Über 90 % der Bibellesenden stimmten der Aussage zu: «Die Bibel überliefert zentrale Normen und Werte für die Gesellschaft.» Selbst Menschen ohne eigene Bibelnutzung stimmen noch zu über 60 % zu. (28)

3. Grundwissen zur Bibel

Nach wie vor gibt es erhebliches Interesse an der Bibel. Und oft auch grosse Unsicherheit, was es mit der Bibel auf sich hat. Was ist die Bibel? Der evangelische Theologe Ingolf Dalferth hat vor einigen Jahren gezeigt, dass Grundbegriffe wie Bibel, Wort Gottes und Heilige Schrift immer wieder verwechselt oder vermischt werden. Klassische Ausdrücke wie Inspiration und Autorität werden mehr bekräftigt oder bestritten als wirklich differenziert erörtert.

Bei Fokus Theologie erreichen uns immer wieder ganz grundsätzliche Anfragen zum Umgang mit der Bibel.

Manche fragen uns, wie man denn am besten Zugang zu diesem Buch findet, wenn man sein Leben lang nicht religiös war, aber zunehmend Neugierde entwickelt. Wieder andere fragen, wie man sich aus einer verengten und fanatischen Bibelfrömmigkeit lösen kann, ohne das jeder geistlich stärkende Umgang mit der Bibel verloren geht.

Es fehlt nicht an guten Einführungen zur Geschichte und Bedeutung der Bibel. Wie ist die Bibel entstanden? Wann und wie wurden biblische Texte zu Heiligen Schriften? Was verstehen die Kirchen heute unter der Autorität der Schrift? Wie kann die Bibel verantwortungsbewusst für unsere Zeit verstanden werden?

4. Konflikte um die Bibel im neuen Dossier

Bei Fokus Theologie werden wir in den nächsten Monaten viele Beiträge zu einem Bibel Dossier veröffentlichen. Dabei werden wir uns alten und neuen Konflikten um das meistverbreitete Buch der Geschichte auseinandersetzen.

a) Bibel und Wahrheit

Warum ist die historisch-kritische Bibelforschung ausgerechnet bei solchen Menschen umstritten, die besonders stark von ihr profitieren könnten? Sind Gläubige mit dem Anspruch der Bibeltreue grundsätzlich fundamentalistisch und nicht ernst zu nehmen? Oder ist die sogenannte historisch-kritische Methode selbst von starken weltanschaulichen Vorannahmen geleitet?

Gibt es auch in den Bibelwissenschaften unterschiedliche theologische Haltungen und welche Bedeutung haben die für die Schriftauslegung? Was heisst es, wenn die Kirchen bis heute sich offiziell auf die Bibel berufen? Wieviel muss man um die zeitgeschichtlichen Hintergründe der Bibel wissen, um sie gut bzw. wenigstens besser verstehen zu können?

b) Bibel und Geschichte

Die Bibel ist ein Buch voller Geschichte und Geschichten. Wie kann man damit umgehen, dass es sich manchmal um historisch belegte Ereignisse geht, manchmal die Geschichten symbolischen bzw. mythischen Charakter haben – und es manchmal selbst unter Expert:innen umstritten zu sein scheint, wie historisch bzw. legendarisch Bibelerzählungen sind? Ist es für den christlichen Umgang mit der Bibel grundsätzlich gleichgültig, ob die Erzählungen geschichtlich oder ungeschichtlich verstanden werden?

Hat die geschichtliche Seite der Bibel unverzichtbare Bedeutung für den Glauben?

c) Bibel und Moral

Gerade in ethischen Konflikten ist die Rolle der Bibel in den letzten Jahren besonders intensiv diskutiert worden. In vielen aufgeladenen Konflikten der Gegenwart um Fragen von Sexualität und Lebensformen gibt es weltweit Auseinandersetzungen in Kirchen und teilweise auch in christlich geprägten Gesellschaften über die Autorität der Bibel. Kann man von der Bibel her klar und eindeutig Antworten auf heutige Herausforderungen finden? Gilt das auch für alle anderen Themen der heutigen Zeit, von Ökologie über Krieg und Frieden bis zu Wirtschaftsethik? Wie kommt man von der Bibel her zu ethischen Urteilen? Oder ist das vielleicht schon ein Teil des Problems, dass man «von der Bibel her» urteilen möchte und daher oft nicht genau genug hinschaut, was man eigentlich beurteilen will?

d) Bibel und Spiritualität

Wie kann man mit der Bibel so umgehen, dass man nicht nur immer mehr Verständnis für ihre geschichtliche Genese, ihre literarischen Formen und ihre verzweigte Rezeption in der Geschichte gewinnt – sondern so, dass sie das Leben bereichert? Das etwas spürbar bleibt von der tiefen Faszination, die sie immer wieder auf etliche entfaltet hat? Kann man als kritischer Zeitgenosse noch lernen die Bibel so zu lesen, dass sie nährt, tröstet, Geborgenheit vermittelt und Leitlinien für ein gutes Leben vermittelt? Und kann man das wieder lernen, wenn man sich mühsam aus falschen Versprechungen eines fundamentalistischen Bibelglaubens befreien musste?

Diese und andere Fragen werden mit einer Reihe von Interview-Gästen besprechen, vor allem mit renommierten Exegetinnen und Exegeten aus der Deutschschweiz. Alles in allem sind wir überzeugt: Die Bibel ist viel zu aufregend und inspirierend, um sie ihren lauten Fans und Verächtern zu überlassen.

Mehr Bildung über die Bibel und zum Bibellesen – darum geht es uns in diesem Dossier.

Zugleich sind wir uns auch bewusst: Bibelfragen sind für viele Menschen zutiefst persönliche Fragen. Für nicht wenige geht es mit der Bibel nicht um etwas, sondern um alles. Und zumindest Interesse an der Bibel besteht bei etlichen, die sie schon lange nicht mehr in der Hand hatten. Gerade darum müssen wir über die Bibel ins Gespräch kommen.

Literatur

Dalferth, Ingolf U. (2018): Wirkendes Wort. Bibel, Schrift und Evangelium im Leben der Kirche und im Denken der Theologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

Hier geht es zur erwähnten Leipziger Bibelstudie «Dimensionen biblischer Relevanz».

Der Beitrag gehört zu unserem Bibel-Dossier. Vgl. auch unsere Podcastfolge Geist.Zeit: Ist die Bibel Gottes Wort?

Bild: Privat Thorsten Dietz