1. Historische Bilder von Männlichkeit und Ethik der Sexualität
In unserer Geist.Zeit Podcast-Folge „Moisés Mayordomo: Die Bibel historisch ernst nehmen?!» betont der Basler Professor für Neues Testament Moisés Mayordomo: Debatten um Geschlecht und Gender werden von der heutigen Forschung nicht einfach von aussen an die Bibel herangetragen. Auch in biblischen Texten ist das Verständnis von Geschlecht eine zentrale Frage. „Bei der Frage der Homoerotik sieht man das sehr stark, da kann man ja gar nicht reden von Homosexualität. Ich mag den Begriff nicht anwenden auf die Antike, weil das reichlich wenig mit dem zu tun hat, was wir heute als Homosexualität bezeichnen.» (0.37,09ff.)
Der Grund sei das antike Verständnis von Männlichkeit. Ein richtiger Mann war man keineswegs schon durch die biologische Anlage. Männlichkeit musste man beweisen. Ein „zentrales Kriterium von Männlichkeit» sei die Fähigkeit zur Kontrolle, über andere im politischen Raum, im Haus also als Familienoberhaupt, aber eben auch über den eigenen Körper. (0,36,24ff) Dieses Verständnis von Männlichkeit war auch für die Bewertung von Homosexualität zentral . Antike Bewertungen zu gleichgeschlechtlicher Sexualität dürfe man nicht verstehen in dem Sinne, dass die Beteiligten «alle irgendwie auch homosexuell waren. Nein, es ging darum, wer penetriert und wer wird penetriert? Das bestimmt sozusagen den Männlichkeitsgrad.» (0.37,22ff)
Was heisst es, die Bibel historisch ernst zu nehmen? Im Rahmen des Fokus Theologie Dossier zum Thema Bibel hatten wir einige Gespräche zu den Herausforderungen eines historischen Verstehens der Bibel: Welche Bedeutung hatten diese Texte in ihrem ursprünglichen Kontext?
Die Bibel ernst nehmen, sie als Grundlage des Glaubens anerkennen, das war ein zentrales Motiv der Reformation; und das ist bis heute auch in den reformierten Kirchen wesentlich. Zu diesem Anspruch gehört auch, die Texte erst einmal mit ihrem Eigensinn ernst zu nehmen und sie nicht vorschnell von unseren heutigen Auffassungen her zu deuten. Die Auseinandersetzungen um Fragen von Geschlecht, Sexualität und Homosexualität sind dafür ein Musterbeispiel. In diesem Beitrag soll die im Podcast angesprochene Frage noch einmal vertieft werden – am Beispiel Männlichkeit und Homosexualität in Antike und Gegenwart.
2. Armin Baums Kritik am Buch «Wege zur Liebe»
In der von Tobias Faix und mir verfassten Sexualethik Wege zur Liebe haben wir uns mit vielen Fragen der Geschlechter- und Sexualethik auseinandergesetzt, von Geschlechtergerechtigkeit über Trans- und Inter-Geschlechtlichkeit bis hin zu Fragen der sexualisierten Gewalt, der Polyamorie und Prostitution. Wie bei diesem Themenfeld nicht anders zu erwarten hat es viele Reaktionen gegeben, positive wie kritische.
Unter den kritischen Entgegnungen zu diesem Buch ragt der Beitrag des Giessener Neutestamentlers Armin Baum (Karte und Gebiet 2025) heraus. Baum greift nicht nur einzelne Positionen von uns auf, um sie zu kritisieren. Er nimmt unseren ethischen Ansatz insgesamt ernst, zeichnet unsere bibeltheologische Herangehensweise nach und setzt sich argumentativ mit einzelnen Urteilen auseinander.
Darum lohnt es, auf seine Kritik ausführlicher einzugehen. Dazu wird gerade von Tobias Faix und mir eine ausführliche Antwort zu den ethischen und hermeneutischen Anfragen Armin Baums erstellt, die im Sommer erscheint. Dieser Beitrag ist eine Art Exkurs im Vorfeld, konzentriert auf die in der Einleitung angesprochenen Frage: Wie wurde in der Antike und in den biblischen Texten über Männlichkeit und gleichgeschlechtliche Sexualität gedacht? Und welche Folgen hat das für eine christliche Ethik?
Baum selbst betont die grundlegende Bedeutung historischer Forschung, um die Bibel zu verstehen. An dieser Stelle besteht völliger Konsens. Seine Kritik lautet, dass es uns in diesem Buch «nicht gelungen» sei «die wissenschaftlichen Sachverhalte, die sie zugunsten ihrer ethischen Argumentation anführen, korrekt darzustellen, und die um fangreiche Evidenz, die gegen ihre Behauptungen spricht, zu berücksichtigen.» (257)
Nach Baum vertritt Wege zur Liebe die «These, das Konzept verschiedener sexueller Orientierungen habe es in der Welt der Bibel noch nicht gegeben». (257)
Sogleich differenziert er, dass wir diese Grundthese an einigen Stellen relativieren und einräumen, dass es auch in der Antike schon Beobachtungen zu einer gleichgeschlechtlichen Ausrichtung von Menschen gäbe.
Baum hat sich in den letzten Jahren immer wieder kritisch zu einer in liberalen bzw. progressiven Kirchen verbreitete Deutung geäussert, nach der es in der Antike weder so etwas wie homosexuelle Orientierung noch verbindliche Partnerschaften gegeben hätte. Vielmehr würden die biblischen Texte nur Fälle kritisieren, in denen gewalttätige oder missbräuchliche Sexualbeziehungen gemeint seien.
Eine solche Sicht sei aber historisch falsch. Es gäbe in den Altertumswissenschaften wie in der Theologie Veröffentlichungen, die diese Sicht eindeutig widerlegt hätten. Tatsächlich gäbe es sehr viele antike Quellen, die eine Kenntnis von so etwas wie einer homosexuellen Orientierung zeigen. Ebenso fänden sich Belege für verbindliche Partnerschaften, die einvernehmlich und nicht gewalttätig waren. Daher sei die kirchliche Standardposition (und auch die Sicht von Wege zur Liebe) verfehlt, ja unwissenschaftlich. Baum bietet eine lange Aufzählung, welche antiken Autoren von so etwas wie einer homosexuellen Orientierung ausgegangen sein. (Baum 2025, 257-261)
Wer diese Argumentation verstehen möchte, muss Baums ausführliche Wiedergabe der Quellen in einem anderen Beitrag studieren. Baum hält die Quellen für so aussagekräftig, dass er unserem Buch Ignoranz gegenüber ihnen vorwirft und uns unterstellt, in dieser Frage unwissenschaftlich zu argumentieren. Überprüfen wir das genauer.
3. Männlichkeit und Homosexualität in der Antike
3.1 Männlichkeitsnormen und Sexualethik
in den Geschichtswissenschaften habt man in den letzten Jahrzehnten sehr intensiv die Frage erörtert, ob es in der Antike schon so etwas wie ein Wissen oder eine Ahnung von Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung gab (vgl. auch diesen instruktiven Beitrag von Schöner Glauben). Zunehmend hat sich gezeigt, dass das im Blick auf die Forschung der letzten Jahrzehnte eine verkürzte Fragestellung ist.
Dabei gibt es einen breiten Konsens, dass die Übertragung heutiger Verständnisformen auf die Antike unangemessen ist. Als repräsentativ dürfen die Artikel zu Homosexualität im AT und NT im Wissenschaftlichen Bibellexikon (WiBiLex) gelten.
Der katholische Alttestamentler Thomas Hieke stellt in seinem Beitrag Homosexualität (AT) schon zu Beginn fest: «Der Begriff „Homosexualität“ wurde 1869 durch Karl Maria Kertbeny (vor 1847: Karl Maria Benkert) geprägt.
Für diesen Begriff – ebenso wie für „Sexualität“, „sexuelle Orientierung“, „sexuelle Identität“ oder andere Termini aus diesem Wortfeld – gab es davor in keiner Sprache Äquivalente. Eine direkte Anwendung des Begriffs Homosexualität auf Texte der Bibel ist insofern ein Anachronismus.» (Hieke, 1)
Der evangelische Theologe Stefan Scholz fasst am Ende seines Artikels zu Homosexualität im NT zusammen:
„Homosexualität im Sinn post-/moderner Lebenspraxis konnte Paulus zweifelsohne nicht verdammen, da er sie nicht kannte.“ (Scholz, 13)
Und sofort anschliessend weist Scholz auf den Hintergrund hin, der für gleichgeschlechtliche Sexualakte in der Antike entscheidend war: «Kaum lassen sich hierzu Einzelaussagen übernehmen, ohne auch die antik-mediterranen Figuren von oben/unten, Gewalt, männlich / weiblich u.s.w. zu übernehmen.» (Ebd)
Genauso wie Scholz betont auch Hieke, wie sehr ethische Gebote zur Sexualität verwurzelt sind in Geschlechternormen: «Insgesamt tendiert die Quellenlage dazu, dass in der griechisch-römischen Welt um die Zeitenwende sexuelle Akte unter Männern negativ konnotiert waren;
Das moralische Problem bestand vor allem darin, dass der passive Partner als „verweiblicht“ angesehen wurde und seine „Männlichkeit“ verkauft habe. (Hieke, 3)
Leider hat sich Armin Baum mit der heutigen Forschung nur sehr selektiv auseinandersetzt. So behauptet er, dass «die historische These, die homosexuelle Orientierung sei erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden, in der altertumswissenschaftlichen Fachliteratur mehrfach überprüft und widerlegt worden ist.» (258) Gehen grosse Teile der wissenschaftlichen Forschung von längst widerlegten Anschauungen aus?
Das Problem an dieser Stelle ist, dass Baum mit einem sehr eingeschränkten Begriff von Homosexualität arbeitet. Jede Form der dauerhaften sexuellen Anziehung vom gleichen Geschlecht gilt ihm als homosexuell. In der heutigen Forschung gibt es hingegen eine Reihe von sehr weitgehend geteilten Überzeugungen, die man so zusammenfassen kann.
- Homosexualität als Begriff bzw. Konzept gibt es erstmals im späten 19. Jahrhundert. Es gibt keine antiken Vorläufer eines solchen Konzepts. Dass es das Phänomen und entsprechende Menschen gab, ist unstrittig. Aber es ist ein Riesenunterschied, ob es etwas gibt – und ob es bereits gedacht, als Aspekt der menschlichen Person erkannt und öffentlich kommuniziert wird.
- Und weiter: Auch das im 19. Jahrhundert entwickelte Verständnis entspricht noch längst nicht unserer heutigen Wahrnehmung. So geht Karl Heinrich Ulrichs, der mit Recht als Deutschlands erster geouteter Homosexueller gelten kann, noch davon aus, dass es sich bei ihm und anderen um Männer mit einer weiblichen Seele handelte. Das heisst: In dieser Zeit waren sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität noch nicht so deutlich unterschieden wie heute.
- Erst im 20. Jahrhundert werden die Frage der Begehrensrichtung (auf das eigene oder das andere Geschlecht) und das Thema der geschlechtlichen Identität (als Mann oder Frau) sowie das Phänomen trans- und intergeschlechtlicher Identität deutlich differenziert. Erst im 20. Jahrhundert entsteht ein Konzept von Homosexualität, wie viele es heute teilen. Dabei geht es um mehr als um eine dauerhafte sexuelle Anziehung, es geht um ganzheitlichen Fragen der persönlichen Identität, der romantischen Anziehung, des sexuellen Verhaltens und einer sozialen Lebensform.
- Durchgesetzt hat sich zunehmend die Überzeugung, dass gleichgeschlechtliche Orientierung, Trans- und Intergeschlechtlichkeit in der Regel keine willkürliche Wahl oder Phase sind, sondern viele Menschen ihr Leben lang begleiten.
- Dass es diese Phänomene schon in der Antike gab, ist schon von daher kein Wunder, dass die Pioniere der heutigen Theoriebildung mit ihrer Begriffsbildung ausdrücklich an antike Beschreibungen von Platon etc. anknüpften. Gleichzeitig ist dabei etwas entstanden, was es so in der Antike noch nicht gegeben hat. Denn die antiken Vorstellungen sind in wesentlichen Fragen anders als moderne.
3.2 Sozialer Status und Sexualethik
Der Ausgang von Fragen der Sexualethik in einem modernen Sinne verstellt den Blick für etwas Wesentliches: Anders als heute spielt die Frage sexueller Orientierung keine Rolle. In antiken Diskursen zur Ethik sexueller Beziehungen ist der soziale Status von Personen wesentlich. Dabei kommt Männern eine grundlegend andere Rolle zu als Frauen. Freien Männern schrieb man aktive Sexualität zu. Diese galt als legitim
- mit der eigenen Ehefrau
- mit Prostituierten männlichen und weiblichen Geschlechts
- ebenso mit Sklavinnen und Sklaven
- Kriegsgefangen und Unterworfenen
- in manchen Zeiten auch: mit Jugendlichen bzw. jüngeren Männern.
Anders als die aktiven Liebenden waren die Geliebten nicht Akteure der Sexualität, ihnen wurde eine passive Rolle zugeschrieben. Stefan Scholz fasst so zusammen: «Zur Zeit des Paulus war gleichgeschlechtliches Verhalten vor allem männliche Päderastie, wenngleich nicht ausschließlich. Der Erwachsene übernahm den aktiven Part. Der bereits geschlechtsfähige Junge hatte den Vorgang passiv zu dulden.» (Scholz, 6)
Dieser passive Part war nur für Menschen mit untergeordneten Status (Frauen, Prostituierte, Sklaven und Jünglinge) akzeptabel. Für einen freien Mann galt es als schwere Schande, sich selbst penetrieren zu lassen. So etwas fand in griechischen wie römischen und natürlich auch jüdischen Quellen scharfe Kritik.
Die von Baum aufgeworfene Frage, ob man damals schon von homosexuellen Empfindungen und Beziehungen wusste, ist daher sehr unterkomplex. Baum schreibt an anderer Stelle, dass auch Paulus (1Kor 6,9-11) «zwischen passiven und aktiven Partnern („Weichen“ und „Bei-Männern Liegenden“) unterschieden habe» und das spräche «dafür, dass Paulus auch das Konzept der sexuellen Orientierung gekannt haben dürfte.» Das ist ein Missverständnis. Die Unterscheidung von passiven und aktiven Sexualpartnern, von einem, der Lust gewinnt und einem, der Lust gibt, ist eine antike Logik, die mit dem hierarchischen Denkhorizont aller Sozial- und Sexualbeziehungen der alten Welt verwoben ist. (Vgl. dazu auch Brooten 2025, 209-211)
Für Baum ist es höchst wahrscheinlich, dass Paulus all das gewusst haben muss und wir daher seine kritischen Aussagen zu gleichgeschlechtlicher Sexualität auf alle Formen von Homosexualität beziehen müssen, egal ob gewalttätig, einvernehmlich oder in dauerhaften Beziehungen. Historisch ist das ein schwaches Argument. Denn tatsächlich gibt es nicht nur keinen einzigen biblischen Beleg, der für eine Kenntnis konstitutiver gleichgeschlechtlicher Anziehung analog zu den griechisch-römischen Quellen spricht. Es gibt sogar keinen einzigen Text aus dem zeitgenössischen Judentum oder der frühchristlichen Literatur, der auch nur so etwas wie eine Ahnung gleichgeschlechtlicher Orientierung aufweist. William Loader, der Forscher, der sich mit dieser Thematik am umfassendsten auseinandergesetzt hat, stellt fest:
„There is no evidence that any of the Jewish writers actually believed that there were people with a natural sexual orientation towards people of their own sex.“ (Loader 2013, 146)
3.3 Zur Diskussion des Buches von Matthias Becker
Mit gutem Recht kann sich Baum berufen auf das Buch Ehe, Familie und Agamie des Heidelberger Neutestamentlers Matthias Becker. Mit diesem Buch haben Tobias Faix und ich uns in unserer Ethik ausführlich auseinandergesetzt und zentrale Argumente seiner Position zurückgewiesen.
Wenn man sich wie Baum auf den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung beruft und sich wesentlich auf Matthias Becker bezieht, kann man auch nicht verschweigen, dass Beckers Buch in der Forschung starke Kritik erfährt, historisch und methodisch. So haben Bernadette Brooten und Christine Gerber seinem Entwurf «große sachliche und methodische Schwächen» (388) attestiert.
Beckers Darstellung «missachtet literaturwissenschaftliche, historische und exegetische Grundregeln“ (389). Noch deutlicher formulieren die beiden Theologinnen: «Es ist kein exegetisches Buch. Exegese bedeutet, sich mit mehreren Auslegungsmöglichkeiten und den für diese jeweils vorgebrachten Argumenten auseinanderzusetzen. Becker suggeriert hingegen, seine Textarbeit sei «empirisch» als liege die Bedeutung der Texte in ihren Kontexten auf der Hand. Es ist auch kein geschichtswissenschaftliches Buch. Die Unterschiede zwischen den Kulturen werden abgeblendet.» (393)
Inzwischen liegt mit dem Sammelband In aller Vielfalt ein Werk von insgesamt 14 Autorinnen vor, das mindestens teilweise als Entgegnung auf Beckers Buch in der gleichen Reihe beim Wissenschaftsverlag Mohr Siebeck verstanden werden darf. Die Autorinnen arbeiten ausführlich heraus, was bei Baum und Becker chronisch zu kurz kommt: Das jeweilige Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit und die daraus resultierende Sicht auf legitime Sexualbeziehungen.
Im Licht dieser Studien hat Beckers Darstellung einige grundlegende Probleme.
- Beckers Buch geht ganz von Diskursen der griechisch-römischen Welt aus und versucht, aus einzelnen Beobachtungen so etwas wie ein damals allgemein geteiltes Wissen abzuleiten, das auch die überwiegend jüdischen Autoren des Neuen Testaments gehabt hätten. Allen Beteuerungen zum Trotz: Historisch stehen diese Annahmen auf unsicheren Boden. Anhand der biblischen Texte wird das vermeintliche Wissen ihrer Autoren über die «sexuelle Vielfalt» der Antike nicht plausibilisiert.
- Die These der gegenkulturellen Positionen des Apostel Paulus in einer pluralistischen antiken Umwelt ignoriert die Besonderheiten des jüdischen Sexualitätsdiskurses gerade auch in der Diaspora im Gegenüber zur griechisch-römischen Welt (vgl. dazu insgesamt Körner 2020).
- Besonders problematisch ist es, dass Becker sehr stark das durchgreifende hierarchische Gefälle von Männern und Frauen (Sklav:innen etc.) ignoriert, die gerade auch für Sexualbeziehungen wesentlich sind. Die spezifischen Normen für Männlichkeit und Weiblichkeit werden kaum erörtert.
Beckers Buch ist keine anerkannte oder gar führende Position innerhalb der wissenschaftlichen Debatte. Im heutigen Diskurs der exegetischen Wissenschaft handelt es sich bei Beckers Buch um eine sehr umstrittene Sicht, nicht mehr, nicht weniger.
4. Gleichgeschlechtliche Liebespaare in der Antike?
An neuerer Literatur beruft sich Baum massgeblich auf die historischen Studien von Thomas Hubbard. Baum wirft uns vor, dessen Sicht ignoriert zu haben. Das trifft nur für unseren Ethik-Band von 2025 weil ich mich schon in dem 2016 erstellten Text Bibel und Homosexualität II ausführlich mit Hubbards Sicht auseinandergesetzt und seine Argumente zurückgewiesen habe (S. 4-11).
Heute muss man hinzufügen: Hubbard ist als Wissenschaftler alles andere als unumstritten. Hubbard hat seine Professur in Austin (Texas) niedergelegt, als Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, er würde die Ablehnung jeglicher Pädophilie relativieren. Problematische Aussagen eines Wissenschaftlers machen seine Studien nicht unbrauchbar. Zugleich zeigt sich dieser Konflikt auch: Für Hubbard waren gleichgeschlechtliche Sexualkontakte der Antike in der Regel das, was wir heute als Pädophilie bzw. Päderastie bezeichnen.
Hubbard ging auch der Frage nach, ob es neben diesen Normalfällen hierarchisch gelebter Sexualbeziehungen nicht auch Paare gegeben haben könnten, bei denen Alters- und Statusunterschied nicht mehr so wesentlich waren und die man auch heute als homosexuell bezeichnen könnte.
Historisch kann man das keineswegs ausschliessen. Das stärkste Argument dafür ist ja, dass es ja offensichtlich Kritik gab an Männern, die sich freiwillig in eine passive Rolle begaben. Die deutliche Einschärfung bestimmter Normen der Männlichkeit kann auch als Zeichen verstanden werden, dass gegen diese auch verstossen wurde. Antike Lebenswelten waren vielfältig und lassen sich nicht einfach verallgemeinern.
Zugleich zeigen Hubbards Forschungen: wenn es so etwas gegeben hat, war es ein randständiges Phänomen. Man kann an dieser Stelle nicht (wie einige es tun) auf die heilige Schar von Theben verweisen, eine Kampftruppe, die vermeintlich aus schwulen Liebespaaren bestanden hätte. In den Quellen vor allen von Plutarch wird stets betont, dass es je ein Liebhaber und ein Geliebter war, also letztlich das, was der hierarchischen, antiken Logik entsprach (Vgl. Dietz/Faix 2025, 225).
Bezeichnend dafür ist, dass Hubbard in einem Text (Hubbard 2014) ausdrücklich danach fragt, ob wir denn namentlich antike Paare aufführen können, die tatsächlich eine lebenslange homosexuelle Liebesbeziehung geführt haben – und dafür praktisch kein Beispiel realer geschichtlicher Personen nennen kann (vgl. ausführlicher hier S. 7-8). Und noch einmal: Gerade im jüdisch-christlichen Bereich fehlen Belege, das so etwas wahrgenommen oder gar diskutiert wurde.
Vor allem gibt es in biblischen Texten selbst keinen einzigen Hinweis für ein Bewusstsein für Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung. Umgekehrt kann man bei allen Texten zu gleichgeschlechtlicher Sexualität sehen, dass sie den antiken Deutungshorizont von Männlichkeits- und Statusnormen voraussetzen.
In Gen 19 und Ri 19 geht es um sexuelle Gewalt von Männern an anderen Männern. In den schwer auszulegenden Versen in Lev 18 und 20 zeigt die Formulierung «du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau», dass gleichgeschlechtliche Sexualität gesehen wurde als Einen-Mann-wie-eine-Frau-behandeln. In 1Kor 6 und 1Tim 2 stehen wiederum Fragen des Geschlechts im Zentrum. Röm 1 redet von der Schande gleichgeschlechtlicher Sexualität. Um Frauen geht es überhaupt an nur einer einzigen Stelle. Sie wurden kaum beachtet.
Als gleichgeschlechtliche Sexualakte in der christlichen Spätantike umfassend verboten wurden, kommt wieder eine solche Logik zum Tragen. In den Justianischen Rechtstexten heisst es: «Wir meinen nämlich die Schändung von Mannspersonen, welche manche gottloser Weise vorzunehmen wagen.» (nach Mayordomo 2022, 297)
5. Fazit: Mehr Respekt vor der Komplexität geschichtlicher Fragen
Armin Baum hat keineswegs nachgewiesen, dass wir den heutigen Forschungsstand übergangen haben und unsere ethischen Urteile auf unwissenschaftlichen Annahmen zur Geschichte aufbauen.
- Baums Beschreibung des heutigen Forschungsstandes ist auf vielen Ebenen unzureichend. Er setzt sich praktisch gar nicht auseinander mit der heute weit vertretenen Betonung, wie wichtig sozialer Status, Männlichkeitsnormen und Machtstrukturen für legitime Sexualbeziehungen in der Antike waren.
- Die Position von «Wege zur Liebe» wird nicht undifferenziert, aber stark verkürzt wiedergegeben. Historische Befunde sind in unseren Ansatz wichtig, aber nicht entscheidende Grundlage ethischer Urteile.
- Der Umgang mit den historischen Quellen ist selektiv. Heutige Kategorien wie sexuelle Orientierung und Homosexualität werden zu schnell auf antike Verhältnisse projiziert.
- Einzelstimmen der heutigen Debatte werden von Baum als Stand Forschung gewürdigt, gleichzeitig ignoriert er unsere Auseinandersetzung mit diesen Positionen.
Es gibt keinen direkten Weg von der historischen Exegese zum ethischen Urteil. Das gilt grundsätzlich und in dieser Frage besonders. Anders als Baum geht es uns gerade nicht darum, aus einer bestimmten historischen Exegese der Bibeltexte ein eindeutiges ethisches Urteil abzuleiten. Genau so wäre es ein Missverständnis, in der Bibel ein Ja zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften finden zu wollen.
Wohltuend zurückhaltend schliesst ein Erklärung einer internationalen Arbeitsgemeinschaft überwiegend katholischer Theolog:innen:
„Wenn es keine Gewissheit darüber gibt, auf welche Art von männlichen homosexuellen Handlungen sich der biblische Autor bezog – ob einvernehmlich oder missbräuchlich –, ist es ebenso unmöglich, daraus absolut sichere ethische Normen abzuleiten: Theologische Lehren und ethische Regeln können nicht auf exegetischen Vermutungen beruhen.» (S. 64)
Unsere Positionen in Wege zur Liebe basieren auf breiter Auseinandersetzung sowohl mit den historischen Quellen wie mit der exegetischen und ethischen Forschung. Was wir historisch zur Frage gleichgeschlechtlicher Orientierung in der Antike vertreten, ist vielfach Standard in altphilologischer Wissenschaft wie auch katholischer und evangelischer Exegese und Theologie.
In dieser Frage (wie in fast jeder anderen relevanten Thematik von Wirtschaftsethik über Friedensethik bis hin zu Auseinandersetzungen mit KI und Technologie) kann man nicht einfach biblische Aussagen direkt auf heutige Fragen anwenden. Menschen, die die Bibel theologisch und historisch ernst nehmen wollen, sollten sich nicht nur vor der Gefahr fürchten, biblische Aussagen zu ignorieren. Sie sollten sich ebenso scheuen, biblischen Texten (eigene) Positionen zu unterstellen, die sie in ihrem ursprünglichen Zusammenhang gar nicht gehabt haben konnten.
Zur Logik der Ethik ist an anderer Stelle gründlicher zu antworten, soviel aber hier: Ethische Urteile sind immer und grundsätzlich gemischte Urteile. Ethische, auch religiöse Normen müssen die jeweilige Realität, in der sie orientieren wollen, wahrnehmen und verstehen. Die Realität ist dabei keine zweite Autorität in Konkurrenz zur Bibel. Es geht nicht darum, der Bibel Fehler nachzuweisen. Es ist auch kein Fehler der Bibel, dass sie noch nichts von KI und Kernkraft weiss; oder dass biblische Texte sich auf Kontexte beziehen, die heute so nicht mehr gegeben sind.
Mit Mayordomo: «Die Nicht-Anwendbarkeit biblischer Texte ist dabei immer eine Möglichkeit exegetischer Abwägung.» (Mayordomo 2022, 307) Ethische Normen orientieren angesichts der jeweils wahrnehmbaren Realität. Wer im Namen seiner Normen dazu anleitet, das jeweilige «Gebiet», in dem wir leben, zu ignorieren, stiftet Desorientierung.
6. Die eigene Geschichte historisch ernst nehmen
Das Bekenntnis zur vermeintlich immer schon gültigen biblischen Sexualethik hat konservative bzw. evangelikale und auch katholische Theologen nicht davor bewahrt, allein in den letzten 40 Jahren still und heimlich deutliche Korrekturen vorzunehmen. Noch 2007 stellte der Arbeitskreis für evangelikale Theologie in einer theologischen Stellungnahme fest:
„Der implizit lebensfeindliche Charakter praktizierter Homosexualität zeigt sich an der schlichten Tatsache, dass eine Gesellschaft die Zukunftsfähigkeit verlöre und dem Tod geweiht wäre, wenn das in ihr vorherrschende heterosexuelle Verhalten durch homosexuelle Praktiken ersetzt würde.“
Auch viele Evangelikale haben sich inzwischen solche Aussagen abgewöhnt, die offensichtlich noch davon ausgehen, Homosexualität wäre eine Entscheidung Einzelner für einen Lebensstil, die man durch öffentliche Ächtung verhindern oder begrenzen könnte.
Wahrnehmen muss man auch: Armin Baums Positionen zur Geschlechter und Sexualethik sind keineswegs durchweg konservativ oder traditionell. Seine Annahme, dass es in den biblischen Texten auch homosexuelle Menschen im heutigen Sinne gemeint seien, wäre in den 1990ern bis 2010er Jahren im Evangelikalismus eine Sonderposition gewesen. Damals wurde mit Berufung auf die Bibel weitgehend behauptet, dass es so etwas wie eine konstitutionelle Homosexualität von Menschen gar nicht gäbe bzw. dass Homosexualität eine heilbare Störung sei.
Wer die Bibel historisch ernst nehmen möchte, sollte das auch mit eigenen, jüngeren Geschichte tun. Auch Evangelikale verändern ihre sexualethischen Positionen, sei es zu Homosexualität, zu Fragen wie Verhütung, zur Möglichkeit der Wiederheirat oder der Ordination von Frauen. Wer sich zu stark fixiert auf das Ideal, aus der Bibel klare und immer währende Richtlinien ableiten zu können, übersieht leicht, wie sehr sich selbst die eigenen Positionen im Laufe der Jahrzehnte wandeln.
Vor allem im internationalen Massstab muss Armin Baum einem progressiven bzw. liberalen Flügel des Evangelikalismus zugerechnet werden. Das gilt vor allem für seinen beherzten Einsatz für die Gleichberechtigung von Mann und Frau bis hin zum Dienst der Frau in der Verkündigung in der Gemeinde, der z.B. von der deutlichen Mehrheit evangelikaler Werke und Verbände vor allem in den USA keineswegs geteilt wird. Wer es mit dieser Bewegung wohlmeint, kann nur wünschen, dass solche Richtungen wie die von Baum bestimmend werden und nicht der vor allem in den USA zu beobachtende Trend zunehmender Radikalisierung und Verhärtung.
Und natürlich wäre es schön, wenn es im Streit um sexualethische Fragen einmal zu der Einsicht käme, dass die Bibel uns allen nicht gehört, sondern eine ständige Herausforderung der Auslegung und Verständigung für uns alle ist. Die Bibel historisch ernst nehmen, das ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe, in den Wissenschaften wie in den Kirchen.
Literatur
Baum, Armin D. (2025): Karte und Gebiet. Bibel und Wissenschaft in der transformativen Sexualethik von Thorsten Dietz und Tobias Faix, in Jahrbuch Biblisch erneuerte Theologie (BeTh) Band 9, 247-274.
Baum, Armin D. (2023) Das Konzept der sexuellen Orientierung in der griechisch-römischen Umwelt des Neuen Testaments. Philosophische, medizinische, astrologische und andere Quellentexte in deutscher Übersetzung, in: EThL 99, 609–637.
Becker, Matthias (22025): Ehe, Familie, Agamie. Die Begründung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralität im Neuen Testament und heute. Tübingen: Mohr Siebeck.
Brooten, Bernadette und Christine Gerber (2025): Ein Rollback der Lebensformen mit dem Neuen Testament? Matthias Becker, »Ehe, Familie, Agamie. Die Begründung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralität im Neuen Testament und heute« In: Evangelische Theologie 84, 385-394.
Brooten, Bernadette (2015): „Verachtenswerte Leidenschaften“? Gleichgeschlechtliche Liebe im Neuen Testament. In: In aller Vielfalt. Geschlechter, Sexualitäten, Beziehungsformen im Neuen Testament und seinen Kontexten. Hrsg. von Tanja Forderer, Christine Gerber, Ursula Ulrike Kaiser und Silke Petersen, Tübingen: Mohr Siebeck, 193-212.
Dietz, Thorsten, Faix, Tobias (32024): Wege zum Leben. Transformative Ethik Bd. 1. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag. Dietz, Thorsten, Faix, Tobias (2025): Wege zur Liebe. Transformative Ethik Bd. 2. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag.
Hieke, Thomas (2021): Homosexualität (AT) In: WiBiLex. https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/homosexualitaet-at
Hubbard, Thomas K. (2014): Peer Homosexuality. In: Thomas Hubbard (Hrsg.), A Companion to
Greek and Romans Sexualities. Malden, Mass., 128-149.
In aller Vielfalt (2025). Geschlechter, Sexualitäten, Beziehungsformen im Neuen Testament und seinen Kontexten. Hrsg. von Tanja Forderer, Christine Gerber, Ursula Ulrike Kaiser und Silke Petersen, Tübingen: Mohr Siebeck. (Open Access)
Körner, Johanna (2020): Sexualität und Geschlecht bei Paulus. Die Spannung zwischen »Inklusivität« und »Exklusivität« des paulinischen Ethos am Beispiel der Sexual- und Geschlechterrollenethik. Tübingen: Mohr Siebeck.
Loader, William (2013): Making Sense of Sex: Attitudes towards Sexuality in Early Judaism and Christianity, Grand Rapids: Eerdmans.
Mayordomo, Moisés (2022): Homophobie. In: Alkier, Stefan (Hg.): Zuversichtsargumente. Biblische Perspektiven in Krisen und Ängsten unserer Zeit (Band I), 288-311.
Scholz, Stefan (2012): Homosexualität (NT). In: WiBiLex. http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/46910/
Dieser Beitrag ist Teil unseres Bibel Dossiers. Vgl. auch: Von der Bibel zur Ethik und Moises Mayordomo: Die Bibel historisch ernst nehmen?
