Dieser Beitrag ist Teil unseres Jesus Dossiers. Am Beitragsende finden Sie weiterführende Informationen und Links.
Zu Ostern 2025 erschien die bereits 5. Staffel der erfolgreichen Jesus-Serie The Chosen. Am 15. August erscheint sie nun auf Netflix. Im Podcast Geist.Zeit fragen Andi und Thorsten nach dem Erfolgsgeheimnis der Serie.
The Chosen steht in einer langen Geschichte. Zur Einstimmung erinnern wir hier an wichtige Jesusfilme. Denn offensichtlich erschöpft sich dieser Stoff nicht. Jede Zeit und auch die unterschiedlichsten christlichen und weniger christlichen Frömmigkeitsrichtungen machen sich ihr Bild von Jesus, wie die Dokumentation Jesus goes to Hollywood in einem eindrücklichen Überblick zeigt. Inzwischen muss man sagen: Nicht nur in Hollywood. Auch in den Streaming-Diensten unserer Zeit.
1. König der Könige (1961)
Jesus war schon in der Stummfilmära mehrfach auf der Leinwand. Im Zeitalter des Farbfilms kehrt er zurück für den Film König der Könige von 1961. Im Hollywood dieser Zeit boomen bombastische Stoffe. Was lag näher, als die Geschichten der Bibel auf die Leinwand zu bringen? Nach der sehr erfolgreichen Verfilmung der 10 Gebote mit Charles Heston (1956) einem Kurzauftritt Jesu in Ben Hur (1959) war es 1961 so weit: Jesus hatte seinen ersten grossen Auftritt in einem Hollywood in Farbe.
Der Schauspieler irritierte viele wegen seiner Jugend. Trotzdem wurde der Film ein grosser Erfolg. Der König der Könige nimmt die politischen Spannungen der Zeit Jesu ernst. Anhand von Barabas und Judas sowie auf der anderen Seite Pilatus werden die zunehmenden Spannungen sichtbar.
Zwischen Unterdrückung und Aufstandsbestrebungen erscheint Jesus als leidenschaftlicher Mahner für Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit. Der Sohn Gottes steht für die Liebe in Zeiten des Hasses. Wurde der König der Könige auch zum König der Leinwände? Nicht ganz. Aber er war erfolgreich genug, um auch anderen Lust auf ihre eigene Version vom Leben Jesu zu machen.
2. Das 1. Evangelium Matthäus (1964)
Dass Regisseur Pier Paolo Pasolini seinen Film über Jesus auch 1964 noch in Schwarz-Weiss hielt, war ein Statement. Pasolini wollte Jesus frei von Kitsch und bombastischen Effekten präsentieren. Er hielt sich strikt an den Text des Matthäusevangeliums und präsentierte Jesus als kompromisslosen Kritiker seiner Zeit und religiösen Revolutionär; ohne tiefe Eingriffe in die biblischen Texte und Erzählungen.
Pasolini war nicht nur Atheist und Kommunist, sondern auch schwul. Und doch widmete er diesen Film dem Andenken des kurz zuvor verstorbenen Reformpapstes Johannes XXIII. Sein Film zeigt, dass die Botschaft Jesu auch da fasziniert, wo sich weder Glaube noch Kirchlichkeit von selbst verstehen.
Pasolini verzichtet auf jeden Bombast. Statt Komparsen den Auftrag zu geben, einfache und arme Leute zu spielen, suchte er solche Menschen im ländlichen Süditalien. Sein Jesus beeindruckt ohne Glanzeffekte und sakralen Tonfall. Jesus fesselt durch nichts anderes als durch seine Worte.
1995 wurde dieser Film auf die Filmliste des Vatikans aufgenommen der besonders vom Heiligen Stuhl empfohlenen Filme, trotz des alles andere als kirchlichen Lebens und Denkens seines Regisseurs. Manche finden, dass dies das grösste Wunder in der Geschichte des Jesus-Films gewesen sein dürfte.
3. Die grösste Geschichte aller Zeiten (1965)
Schon ein Jahr später erscheint wieder ein klassischer Hollywood-Film über Jesus. Den Titel Die grösste Geschichte aller Zeiten machte sich der Film zum Programm: Mit Max von Sydow in der Hauptrolle des Gottessohnes ist der Film aufwändiger und epischer als alle früheren Versuche.
Wo König der Könige Jesus eher in den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit einträgt und seine Leidenschaft für Gerechtigkeit stark macht, da konzentriert sich Die grösste Geschichte aller Zeiten stärker auf die überzeitliche Geschichte der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Die bombastischen Seiten der Inszenierung wollen die göttliche Seite Jesus betonen.
Die grösste Geschichte aller Zeiten verwandelt den Kinobesuch zu einer Zeit kontemplativer Betrachtung. Dieser Jesus auf der Leinwand will nicht weniger verkörpern als das Ewige in der Zeit.
An den Kinokassen war dieser Jesusfilm nicht mehr so erfolgreich wie seine Vorgänger. Wer allzu zeitlos sein will, kann auch leicht den Kontakt zur eigenen Gegenwart verlieren.
Jesusfilme können an ihrem Anspruch auch scheitern, durch peinliches Pathos und unfreiwillige Komik. Viele haben das mit Leichtigkeit geschafft.
4. Jesus Christ Superstar (1973)
Am Anfang stand ein Rockalbum mit Texten von Tim Rice und Musik von Andrew Lloyd Webber (1970). Durch den überragenden Erfolg dieser Songs über Jesus kam eins zum anderen. Seit 1971 wurde Jesus Christ Superstar als Rockoper bzw. Musical weltweit aufgeführt – bis heute. Der Film (1973) mit Ted Neeley in der Hauptrolle hat die Handlung des Bühnenstücks kongenial für die Leinwand übertragen. Dieser Jesus ist ein Erlöser für Hippies und Revoluzzer. Figuren wie Maria Magdalena und Judas werden freier und kreativer interpretiert als zuvor üblich.
Dieser Jesusfilm verbindet die klassische Erzählung der Bibel bewusst mit dem Geist des Aufbruchs und der Kulturkritik der 1960er Jahre. Der Superstar Jesus ist ein Heiland für die Generation der Hippies. Schon die Eröffnungsszene macht diese Zeitbezogenheit sichtbar.
Zugleich lassen Handlung und Musik keinen Zweifel daran, dass der Film die geistliche Botschaft Jesu sehr ernst nimmt. Lieder wie I Don’t Know How to Love Him oder Superstar werden weit über den Film hinaus bekannt.
Das Musical ist auch heute noch ein Klassiker vieler Bühnen der Welt. Und Ted Neeley, der Schauspieler von 1973, spielt diese Rolle immer noch. Ich habe ihn 2023 live in Köln gesehen. Für Neeley ist das längst keine Rolle mehr, sondern eine Mission: Der blonde Schauspieler ist einer der ersten, der durch diesen Film zum persönlichen Christusglauben bekehrt wurde.
5. Der Jesus-Film (1979)
Diese Version lief kaum je im Kino oder im Fernsehen. Schon früh hatte Bill Bright, der Gründer von Campus für Christus, eine Vision. Jesus gehört auf die Leinwand, aber nicht nur als Thema eines Unterhaltungsfilms. Bright träumte von einem Jesusfilm als zentralem Mittel der Evangelisation.
Der Film orientiert sich strikt am Text des Lukasevangeliums und hat daher den Ruf, bibeltreuer zu sein als alle anderen Jesusfilme. Aber natürlich ist auch dieser Jesusfilm Kind seiner Zeit, geprägt vom Weltbild seiner Produzenten.
In der Vermittlung ihrer besonderen Botschaft gingen die Produzenten nicht gerade dezent vor. Am Anfang und am Ende entfaltet der Film in einer Schnelldurchgang durch die Geschichten von Adam und Eva, Abraham und Isaak die für Campus für Christus so typischen vier geistlichen Gesetze: 1. Gott hat die Welt aus Liebe wunderbar geschaffen und hat einen Plan für jeden Menschen. 2. Die Menschen sind von Gott durch ihre Sünde getrennt. 3. Rettung gibt es nur durch die Erlösung durch Christus. 4. Wer Jesus annimmt und ihm nachfolgt, findet Rettung.
Am Ende des Films steht ein Übergabegebet, mit dem Menschen zu einer Bekehrung im evangelikalen Glaubensstil eingeladen werden. Und so etwas wird geguckt? Und wie.
Tatsächlich gilt dieser Film – als der meistgesehene Film der Welt überhaupt. Viele Milliarden sollen ihn gesehen haben, auch wenn solche Zahlen schwer zu überprüfen sind. Sicher ist, dass er der meistübersetzte Film aller Zeiten ist, inzwischen in über 1800 Sprachen. Bis heute wird der Film weltweit von Missionswerken kostenlos gezeigt oder in Form von Abermillionen DVDs verschenkt. Grosser Erfolg ist auch ohne Hollywood möglich.
6. Das Leben des Brian (1979)
Vermutlich ist Das Leben des Brian der bekannteste Jesusfilm – ohne Jesus. Die skurrile Komödie zeigt, wie Brian, ein Zeitgenosse Jesu, durch eine Kette von Missverständnissen von vielen Menschen in Israel als Messias verehrt wird. Wie auch bei Jesus, endet sein Leben durch den Tod am Kreuz. Ein tragischer Film? Keineswegs. Am Kreuz singt Brian mit vielen Mitgekreuzigten zusammen das zum Kult gewordene Lied Always Look at the Bright Side of Life. Studien zeigen, dass dieser Song inzwischen einer der meist gespielten Lieder bei Beerdigungen insgesamt ist.
Zwar werden im Film weder Gott noch Jesus angegriffen. Aber die Serie nimmt die Gläubigen der damaligen Zeit mit viel schwarzem Humor auf Korn. Allen Protesten und Boykotten zum Trotz wurde der Film (nicht zuletzt durch finanzielle Unterstützung von «Beatle» George Harrison) langfristig ein grosser Erfolg. Viele Dialoge («Aber jeder nur ein Kreuz…») sind bis heute Kult.
Das Leben des Brian ist eine intelligente Form der Religionskritik. Der Film zeigt, wie tief die Bereitschaft zur religiösen Verehrung in Menschen zu sitzen scheint; und wie merkwürdig sich fromme Menschen im Rausch ihrer Gläubigkeit verhalten können. Gleichzeitig sorgt der Film auch dafür, dass die Zeit Jesu auch solchen Menschen bekannt bleibt, die denken, gute Gründe für ihre Religionsabstinenz zu haben.
7. Die letzte Versuchung Christi (1988)
Mit Martin Scorsese hat sich einer der erfolgreichsten Hollywood Produzenten an das Leben Jesu gewagt. Der Oscar-Preisträger orientiert sich am Roman Die letzte Versuchung von Nikos Kazantzakis von 1951. Das Buch des bekanntesten griechischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts wurde vom Vatikan 1954 auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.
Diesen Index gab es zu dieser Zeit nicht mehr. Für einen Skandal sorgte der Film trotzdem. Warum demonstrierten weltweit streng gläubige Menschen gegen die Aufführung dieses Films? Kazantzakis und Scorsese wollen einen wirklich menschlichen Jesus zeigen, einen, dem die menschliche Sehnsucht nach Liebe und Sexualität nicht unbekannt ist. Wie in vielen modernen Jesusadaptionen wird die Beziehung zu Maria Magdalena zur tragischen Liebesgeschichte, inklusiver erotischer Phantasien Jesu am Kreuz.
Die letzte Versuchung Christi hat weniger ein religiöses Interesse an Jesus, sondern ein zutiefst Menschliches: Was opfern Menschen für ihren Glauben auf? Welchen Preis zahlen sie für ihre Leidenschaft für Gott? Ist der religiöse Glaube stärker als die Sehnsucht nach Liebe und Sexualität?
8. Passion Christi (2004)
Dass der früher als Schauspieler berühmte Mel Gibson (Madmax, Braveheart, Der Patriot etc.) einen Jesusfilm drehen liess und dabei 30 Millionen Dollar Privatvermögen investierte, sorgte schon für Erstaunen. Noch mehr das Ergebnis. Aller Skepsis im Vorfeld zum Trotz wurde der Film ein weltweiter Erfolg. Mit einem Einspielergebnis von über 600 Millionen Dollar auch finanzier.
Auch der Jesus von Oscarpreisträger Gibson sorgte für einen Skandal, wenn auch ganz anders als Scorseses Jesus. Die in den Evangelien wenige Worte umfassende Information, dass Jesus gegeisselt wurde, bringt der Film in grausamster und blutigster Weise auf die Leinwand.
Wenn man so will, ist dieser Jesusfilm die konservative Antwort auf die letzte Versuchung, zumindest was seine Bereitschaft zur polarisierenden Zuspitzung angeht. Der Film setzt die letzten 12 Stunden im Leben Jesu in Szene; von Gethsemane über Prozess, Folter und Kreuzestod.
Wo Scorsese durch Zärtlichkeiten provozierte, da erreicht Mel Gibson diesen Effekt durch ein Blutbad.
Den stellvertretenden Opfertod Jesu am Kreuz so drastisch wie möglich zu sichtbar zu machen, das war Gibsons Passion.
Kaum ein Jesusfilm hat so polarisiert. Wo sich viele konservative Gläubige von der Radikalität begeistert zeigten, lehnten andere ihn ab wegen seiner grausamen und teilweise als antisemitisch empfundenen Darstellung. Mel Gibson gehört zu den Katholiken, die Papst Franziskus für einen Häretiker halten und mehr: letztlich den modernen Katholizismus seit dem 2. Vatikanum ablehnen.
Gibsons radikale Einstellung zu vielen Fragen ist seit langem bekannt. Dem Erfolg seines Films schadet es nicht, eher im Gegenteil. In unübersichtlichen Zeiten gab es immer schon wachsende Nachfrage nach radikalisierter Religion. Inzwischen wird die Fortsetzung gedreht: über die Auferstehung Jesu.
9. Maria Magdalena (2019)
Dieser Film gehört zu den wenigen Jesus-Filmen, die sich stärker an Einsichten der modernen Bibelwissenschaften orientieren. Maria von Magdalena wurde in der Kirchengeschichte zur Sünderin bzw. Prostituierten verzeichnet. Ihre bedeutende Rolle in der frühen Jesusbewegung wurde in der Kirchengeschichte kaum rezipiert.
Dieser Film nimmt die biblischen Informationen ernst und entwickelt ein Bild von Maria, das natürlich (wie jedes mögliche) spekulativ bleiben muss. Marias Begegnung mit Jesus wird zum Anstoss einer persönlichen Befreiungs- ja Emanzipationsgeschichte, ohne dass der Film die Grenzen der damaligen Welt völlig ignoriert.
Der Film wurde kein Blockbuster. Aber er fand sein interessiertes Publikum, bei kirchennahen Menschen und darüber hinaus. Maria Magdalena hat gezeigt, dass auch moderne wie mutige Zugänge zu Jesus und seine Zeit einen Zugang zur Jesus-Geschichte eröffnen können.
10. The Chosen
Die Serie The Chosen steht in einer langen Tradition und ist zugleich etwas ganz Neues. Das spendenfinanzierte Projekt geht von einer dezidiert evangelikalen Sicht auf Jesus und die Bibel aus.
Gleichzeitig ist unverkennbar, dass die Produzenten um Dallas Jenkins intensiv beraten wurden, von christlichen (vor allem katholischen) und jüdischen Gelehrten. Die allermeisten Schauspieler:innen bei The Chosen sind weder weiss noch blond. Römische und jüdische Figuren sind vielfältig und nuanciert. Die Serie nutzt ihre Zeit und vermeidet viele Klischees.
Ist diese Serie nur für Evangelikale? Laut Media Control war The Chosen nicht nur lange auf Platz 1 der Spiegel Bestseller Liste im Bereich DVD. The Chosen war im Jahr 2021 der meistverkaufte DVD-Film im deutschen Buchhandel überhaupt.
Viele Kommentare in sozialen Netzwerken zeigen, dass die Serie erfolgreich auch Menschen erreicht, die mit Kirche und Glaube nichts am Hut haben. Inzwischen läuft die Serie da, wo sie hinwollte und wo keiner sie übersehen kann: in den grossen Streaming-Portalen von Netflix und Amazon Prime.
Da die beiden letzten Staffeln zu Tod und Auferstehung Jesu noch ausstehen, kann es natürlich noch keine abschliessende Würdigung von The Chosen geben.
So viel ist sicher: diese Serie wird das öffentliche Bild von Jesus bei vielen Menschen beeinflussen, die schon lange nicht mehr die Bibel lesen, kirchliche Gottesdienste besuchen oder gar theologische Bücher lesen.
Es wäre töricht von Kirche und Theologie, darin nicht eine Chance zu sehen.
Vgl. auch die 61. Folge von Geist.Zeit: The Chosen: Welches Jesusbild vermittelt die Serie?
Vgl. auch den Beitrag: The Chosen – 4 grosse Stärken der Serie – und 4 Kritikpunkte.
