Mit Nietzsche um den Glauben ringen. Unter diesem Titel fand am 19. Januar 2026 in der Evangelischen Akademie Frankfurt ein Live-Podcast mit Kirchenpräsidentin Christiane Tietz statt. Ist Nietzsche heute noch so aktuell, dass sich die Theologie mit ihm beschäftigen muss? Offensichtlich ist das so, heute vielleicht sogar wieder mehr als noch vor Jahren.
1. Ein ungewöhnliches Nietzsche-Buch
Die bekannte Theologin Christiane Tietz hat über den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche ein ungewöhnliches Buch geschrieben. Ihr Werk Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums ist weder ein Beitrag zur wissenschaftlichen Spezialforschung noch eine theologische oder gar apologetische Kritik an Nietzsches Infragestellung des Christentums. Es geht Tietz um mehr und auch um etwas anderes, um eine christliche, existenzielle Auseinandersetzung mit dieser Kritik des Glaubens.
Wie setzt man sich mit einer Christentumskritik wie der von Nietzsche auseinander? Nietzsche konnte den christlichen Glauben höchst grob kritisieren, als Fluch, als Irrsinn oder auch einfach nur als Geschmacklosigkeit. Und zugleich sind seine Anfragen sehr kenntnisreich, immer wieder subtil und herausfordernd.
2. Die Glühhitze des frühen Leidens
Tietz nähert sich Nietzsche biographisch. Der 1844 geborene spätere Philosoph entstammt einem Pfarrhaus. Der christliche Glaube in einer kirchlich-pietistischen Ausprägung bestimmte das ganze Leben. Noch prägender wurde frühes Leid. Sein Vater starb, als Nietzsche vier Jahre alt war. Zwei Jahre später verstarb auch ein kleiner Bruder.
Nietzsche hat immer wieder angedeutet, welchen Einfluss das auf seine Entwicklung hatte. In seinem Buch Menschliches, Allzumenschliches schreibt er später: «Daran, dass man gewisse erschütternde Anblicke und Eindrücke gehabt oder nicht gehabt hat, (…) hängt es ab, ob unsere Leidenschaften zur Glühhitze kommen und das ganze Leben lenken oder nicht.» (Nietzsche, 82) Nietzsche nennt Beispiele solcher Erfahrungen, wie eine untreue Frau oder einen feindlichen Überfall, zuerst und vor allem aber nennt er den Fall «eines unrecht gerichteten, getöteten oder gemarterten Vaters.»
Nietzsches Vater starb langsam und nach schweren Qualen. Seine Schreie müssen dem Vierjährigen unendlich nahe gegangen sein. Der spätere Philosoph hat dieses Erleben nie vergessen. Später wird er schreiben: «Keiner weiss, wozu ihn die Umstände, das Mitleid, die Entrüstung treiben können.» (Nietzsche, 82)
Der junge Nietzsche war ein frommes Kind. Er übernimmt die pietistisch-fromme Prägung seiner Familie und lernt bzw. versucht es zu lernen, auch das Schwere aus Gottes guter Hand anzunehmen. Sensibel zeichnet Tietz nach, wie sich nach und nach in seinen Jugendwerken zunehmend Zweifel und Fragen einstellen. Der einst tragfähige Glaube wird zunehmend brüchig. In seine Bekenntnisse zur Fürsorge Gottes mischt sich zunehmend der Eindruck einer «Ambivalenz Gottes» (Tietz, 31). Gottes Führung habe Gutes gegeben, aber auch Schmerzvolles zugelassen. Und zunehmend wird weniger klar, wie mit dieser Uneindeutigkeit Gottes umzugehen sei. Die Theodizeefrage, das Problem, wie ein guter Gott so viel Leiden zulassen kann, wird für Nietzsche ein Schlüsselthema seines Lebens.
Es sind unterschiedliche Bildungseinflüsse, die das feste Gefüge seines Glaubens zunehmend infrage stellen. Die sich in seiner Zeit durchsetzende Evolutionslehre stellt das schöpferische Handeln Gottes insgesamt in Frage. In seinem Studium der Altphilologie wird Nietzsche mit der kritischen Forschung am Neuen Testament bekannt. Seine Familie reagiert abweisend und hilflos auf seine zunehmenden Zweifel. Er spürt, dass der ihm vermittelte Glaube sich nicht konstruktiv mit Spannungen und Widersprüchen auseinandersetzen kann. In der Begegnung mit atheistischen Weltanschauungen wie z.B. von Artur Schopenhauer erscheinen ihm diese plausibler als der Glaube seiner Kindheit. Für den reiferen Student und völlig den Professor der Philologie in Basel ist das Christentum eine Sache der Vergangenheit. Hat Nietzsche den Glauben als Sache seiner Kindheit hinter sich gelassen?
3. Die gefährliche Illusion selbstloser Liebe
Ein durchgehender Zug von Tietz’ Nietzschedarstellung ist der Aufweis, wie sehr er gerade auch in seiner atheistischen Zeit Themen und Fragen aus dem geistigen Umkreis des christlichen Glaubens verhaftet bleibt. Das gilt nicht zuletzt für seine zunehmend starke Kritik am Glauben in den Schriften der 1880er Jahre.
Nicht alles daran ist originell. Die Religionskritik des Illusionsverdachts oder der Eindruck, dass die empirischen Wissenschaften die christliche Weltsicht widerlegt haben, teilt Nietzsche mit vielen. Auffällig ist seine Kritik der christlichen Moral. Tietz zeigt, wie Nietzsche sich grundsätzlich kritisch gegen die christliche Höchstschätzung von Mitleid und Nächstenliebe stellt. Seine Kritik der selbstlosen Liebe entsteht in der Beobachtung, dass eine christliche Liebesethik unfähig machen kann zur Selbstliebe, zur Anerkennung von Gesundheit und Freude des Lebens.
Mit seiner Kritik am christlichen Liebesideal wendet sich Nietzsche nicht nur gegen das Christentum. Vielmehr sieht er in vielen modernen Bestrebungen nach sozialer Gerechtigkeit den starken Einfluss des Christentums.
„Nietzsche lehnte darum das Konzept der gleichen Rechte aller Menschen, auch der Schwachen und Elenden, ab.“ (Tietz, 119)
Hinter dem vermeintlich selbstlosen Engagement für andere spürt Nietzsche höchst selbstsüchtige Triebe auf. Der Kampf für das Gute sei allzu oft getrieben von Neid auf die Erfolgreichen, vom Ressentiment der Schlechtweggekommenen, die ihre Missgunst hinter moralischer Empörung verstecken. Nietzsche wird zum Begründer einer Moralkritik, die im Engagement von Aktivisten vor allem Streben nach moralischer Deutungsmacht sieht.
Auch seine schroffe Ablehnung des Mitleidens ist bemerkenswert. Historische Forschung hat gezeigt, dass es Mitgefühlsdiskurse waren, die im 18. Jahrhundert zur Formulierung der Menschenrechte geführt haben, in Debatten um Folter und später um Sklaverei. Denker von Lessing bis zum von jungen Nietzsche sehr bewunderten Schopenhauer erkannten im Mitleid die zentrale Grundlage der Moral. Heute gibt es eine breite politische Debatte, die Mitleid ebenfalls kritisch sieht. Elon Musk und Peter Thiel sind bekannt für ihre Kritik am Mitleid. Im Umfeld des christlichen Nationalismus in den USA gibt es Bücher mit Titeln wie The Sin of Empathy. Muss Nietzsche als Ahnherr eines rechten Denkens gelten, das sich grundsätzlich gegen Gleichheit und Demokratie stellt?
4. Kann man das Leben bejahen?
Nietzsche kritisiert mit dem Christentum alle modernen Bewegungen, die sich für die Gleichheit und Würde aller Menschen einsetzen. Für ihn ist ein solches Streben illusionär. Allem Glauben an eine gute, gerechte Weltordnung erteilt er eine Absage.
Aber wie lässt sich dann diese Welt mit ihren Zumutungen aushalten? „Nietzsche war auf der Suche nach der Bejahung des Lebens, so wie es ist. Dazu war es notwendig, sich von allem weltverneinenden Jenseitsglauben zu lösen.“ (Tietz, 153)
In einer Art visionär-inspiriertem Erleben habe Nietzsche eine Lösung für sich gefunden, im Gedanken einer ewigen Wiederkehr des Gleichen. Die spekulative Vorstellung, dass sich dieses Leben wieder und wieder ereignet und nicht in der Überwindung des Lebens, sondern in seiner unendlichen Bejahung Erlösung besteht, mag verwirren. Tietz betont zurecht: „Es geht Nietzsche hier nicht primär um die Behauptung, dass alles wiederkehrt. Entscheidend ist für ihn, wie sich der Mensch zum Gedanken der ewigen Wiederkunft verhält.“ (Tietz, 161)
Was ist an diesem Versuch, das Leben umfassend bejahen zu wollen, nachvollziehbar? Tietz zeichnet überzeugend nach, dass Nietzsche hier an Gedanken anknüpft, die ihn schon in seiner Jugend beschäftigt haben. Wie können wir Menschen Halt und Orientierung finden in einem Leben, in dem so viel Schönes und Schreckliches gleichzeitig passiert? Durch die Vorstellung eines gütigen Gottes, der alles so herrlich regiert? Dass alles in dieser Welt Ausdruck gütiger Vorsehung sein soll, kann den Gottesgedanken nur mit unerträglichen Spannungen aufladen. Die moralisch-religiöse Verklärung der Realität weist Nietzsche zurück.
Aber sein spekulativer Gedanke bleibt befangen in der Idee, dass dem Menschen so etwas wie eine unbedingte Zustimmung möglich sein muss; nicht mehr zur Gottes Güte, aber zum Leben, dem Dasein insgesamt. Nietzsches Lösung besteht darin, „dass er dem Leiden selbst Sinn zusprach, keinen von Gott gegebenen Sinn, und auch keinen Sinn um eines Jenseits willen, aber den Sinn, das ganze Leben zu repräsentieren.“ (Tietz, 123)
Kann eine solche Idee tragen? Nein, so Tietz. Diese Vision ist selbst eine säkulare Variante einer Vorsehungslehre, nur dass nicht mehr dem Walten Gottes, sondern dem Leben, der Natur bzw. dem Willen zu Macht unbedingt zugestimmt werden müsse. Nietzsche gewinnt mit seiner Deutung Befreiung von christlich-pietistischen Daseinsdeutungen, die allzu oft die Welt erklären wollen als eine Abfolge von Sünden und Strafen. Nietzsches Lebensdeutung ist zugleich dezidiert jenseits von Gut und Böse. Das mag entlasten. Aber der Preis ist hoch. In dieser Perspektive sind «ethische Normen, Schuld und Verantwortung keine sinnvollen Kategorien» (Tietz, 134) mehr.
Das Dasein, dass wir unbedingt bejahen sollen, ist mitleidslos, ohne Liebe und Anteilnahme. Wir müssten zu Übermenschen werden, um diese Realität bejahen, ja lieben zu können.
Letztlich, so Tietz, ist es auch Nietzsche nie gelungen, alles Grausige in dieser Welt wirklich wertfrei zu akzeptieren. Wie könnten wir das, ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren.
5. Nur Mitgefühl macht uns menschlich
Tietz unternimmt in ihrem Buch keine Generalkritik von Nietzsches Philosophie. Ja, es gibt triftige Punkte dieser Christentumskritik. Nietzsche, und das unterscheidet ihn von manchen heutigen Religionskritikern, kämpfte nicht gegen Schatten, sondern gegen ein selbst erlebtes und ihm aus Quellenstudium gut vertrautes Phänomen. Eine Frömmigkeit, die alles bejahen und annehmen will, wird dem biblischen Umgang mit dem Leiden, der biblischen Klage, keineswegs gerecht. Genau so sei seine Kritik an der Weltlosigkeit und Leibfeindlichkeit des Glaubens für seine Zeit triftig gewesen. Das gleiche gilt für seine Kritik an Idealen der Liebe, die Menschen in selbstverneinende Aufopferung treiben.
Zugleich zeigt Tietz, dass Nietzsches positive Antworten ambivalent und widersprüchlich bleiben. Am Ende steht das Mitgefühl für den Kritiker des Mitgefühls. Und nein, das ist keine Höchststrafe. Zuletzt war Nietzsche selbst ein Mitleidender. Nietzsche hat im Ringen mit dem Problem des Leidens Entstellungen des Glaubens von sich gestossen. Das ist persönlich nachvollziehbar. Aber es trifft bei weitem nicht den christlichen Glauben insgesamt.
6. Die Möglichkeit des Glaubens
Tietz schliesst ihr Buch in einem Ton, den man in der modernen Theologie nicht so häufig findet. Abgesetzt vom wissenschaftlich fundierten Hauptteil schliesst sie mit einem Epilog, der keine anderen Belege und Nachweise mehr benötigt als das Reden in eigener Person.
«Viele der Fragen, die Nietzsche stellt, habe ich mir im Laufe meines Lebens auch gestellt. Ich hatte Zeiten des tiefen Zweifels, ob die Denkfiguren des christlichen Glaubens tragfähig sind. Mein Grundvertrauen, dass es Gott gibt und er mir und allen Menschen in Jesus Christus freundlich zugewandt ist, ging dabei nie verloren.» (Tietz, 185)
Für Nietzsche war die Kritik des Christentums eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Wie sollte das Bekenntnis zu diesem Glauben abstrakt bleiben können. Die Möglichkeit des Glaubens hat seine Philosophie keineswegs widerlegt. Die Beschäftigung mit seiner Christentumskritik ist bis heute eine Herausforderung für erwachsene Gläubige. Sie können dabei lernen, problematische Glaubensformen von tragfähigen theologischen Gedanken zu unterscheiden. Und sie werden sprachfähig für die Frage: Welche biblischen Glaubensgedanken leuchten mir wirklich ein, ohne dass ich Lebenserfahrungen verdrängen muss? Wozu kann ich mich von Herzen bekennen, weil es mein Leben nicht erstickt, sondern befreit?
Nachweise
Tietz, Christiane (2025): Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums, München: C.H. Beck.
Nietzsche, Friedrich (1988) Menschliches, Allzumenschliches I und II. Kritische Studienausgabe. Gesammelte Werke Band II. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin: De Gruyter.
Das Gespräch mit Christiane Tietz über Nietzsche gibt es auch auf YouTube und als Podcast Geist.Zeit
Vgl. das Gespräch mit Christiane Tietz bei Geist.Zeit: Gott erhört mein Gebet. Schön wär’s.
Vgl. auch den Worthaus-Vortrag von Thorsten Dietz zu Nietzsche und Paulus.
