Welchen Sinn hat Pfingsten heute?

Ein kleiner Überblick zur neueren Systematischen Theologie zum Heiligen Geist. Ein Beitrag von Thorsten Dietz

Dieser Beitrag ist Teil unseres Jesus Dossiers. Am Beitragsende finden Sie weiterführende Informationen und Links.

1. Von der Geistvergessenheit zur Geistversessenheit?

Vor wenigen Jahrzehnten noch sprach man von einer Geistvergessenheit in der Theologie; trotz Pfingsten. Die grosse Debatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lautete: Müssen wir alle theologischen Lehrfragen auf Christus hin und von Christus her beantworten? Oder müssen wir in der Theologie viel stärker die Schöpfungstheologie, die natürliche Ordnung und den Glauben an Gott den Vater, den Schöpfer ins Zentrum stellen?

In den 1960er Jahren änderte sich das rasant. In dieser Umbruchszeit diagnostizierte der niederländische Theologe Hendrikus Berkhof in seiner Theologie des Heiligen Geistes (1968) eine widersprüchliche Dynamik in der Rede vom Geist.

a) Konzentration

  • Bei vielen älteren Ansätzen wurde das Wirken des Heiligen Geistes ganz auf sein Werk der Heilsvermittlung bezogen. Die gesamte klassische evangelische Theologie von Luther und Calvin bis Karl Barth steht für diesen Weg.
  • Der Heilige Geist ist aus dem Bezug zu Christus zu begreifen. Er stellt sich nicht in den Vordergrund, sucht keine eigenständige Wahrnehmung sondern hat sein Wesen in der Zueignung des durch Christus erworbenen Heils.
  • Als solcher wird er bekannt als derjenige, der die Heilige Schrift inspiriert hat, der das Wort benutzt als Heilsmittel zur Erkenntnis Jesu Christi, der die Kirche baut, tröstet und erhält durch sein Wirken in Verkündigung, Taufe und Abendmahl, der schließlich die Gemeinde ausrichtet auf die Wiederkunft Jesu Christi. 
  • In dieser Perspektive wäre Pfingsten kein Fest des Heiligen Geistes – sondern nur der Geburtstag der Kirche. Eine solche Sicht ist nach wie vor vital, verliert aber ihr Monopol.

b) Emanzipation

  • In seiner Zeit sah Berkhof zunehmend die Tendenz, das Wirken des Geistes von der Christologie abzulösen. Diese Bewegung vollzog sich höchst vielfältig und mit ganz unterschiedlicher Zielsetzung, je nachdem, ob sie charismatisch-pfingstlich motiviert ist, liberal oder befreiungstheologisch.
  • Gemeinsam ist allen die Kritik am Reduktionismus des Geistes auf blosse Vermittlungsfunktion. Der Heilige Geist dürfe nicht ausschliesslich von Christus her verstanden werden, sondern sei als selbstständige göttliche Person anzuerkennen.
  • Noch weniger dürfe der Heilige Geist allein an das Wort gebunden werden. Vielmehr müsse er viel stärker als Geist des Lebens und der Schöpfung verstanden werden, der sich in ganz unterschiedlichen sinnlichen Vollzügen zeige. In der Konkretion solcher Erfahrungen gehen alsbald die Wege weit auseinander.
  • Vor allem in der Ökumene wird die Gegenwart des Geistes vornehmlich gesucht in spirituellen Erfahrungen anderer Religionen, aber auch in politisch-gesellschaftlichen Erfahrungen von Befreiung und Solidarität (Befreiungstheologie).
  • In pfingstlicher Tradition vollzieht sich die Emanzipation dagegen eher als Spektrumserweiterung. Der Heilige Geist sei eben nicht nur in der Predigt von Christus, sondern auch in Manifestationen wie Sprachengebet, ekstatischen Phänomenen, Prophetie und Heilung zu erwarten, die über die blosse Heilsaneignung durch das Wort weit hinaus gingen.

Hendrikus Berkhof versuchte in seiner Theologie des Heiligen Geistes die Einseitigkeit beider Wege zu vermeiden und auf einem dritten Weg eine Erneuerung der Lehre vom Heiligen Geist zu erreichen. Denn beide Wege können in Sackgassen enden, hier im institutionellen Objektivismus, dort im individualistischen Subjektivismus. Kann es nicht gelingen, den Geist so eng wie möglich mit Christus zusammenzudenken – und dann gleichzeitig seinen Wirkraum denkbar weit auszudehnen?

In gewisser Hinsicht ist diese Spannung von Konzentration und Ausweitung bis heute grundlegend für Theologien des Heiligen Geistes.

2. Geist und Vernunft in der liberalen Theologie

Vor allem in der liberalen Theologie wird grundsätzlich betont, dass Glaube nicht als un- oder gar widervernünftig verstanden werden sollte. Mag der Glaube sich noch so sehr von dem angezogen wissen, was höher als alle Vernunft ist – so können und sollten wir darüber nur sagen, was wir auch verstehen.

a) Geist und Subjektivität

Es gibt unterschiedliche Wege rationaler Theologie. Der Wiener Theologe Christian Danz hat mit Gottes Geist ein Entwurf vorgelegt, der die Theologie des Heiligen Geistes sehr stark mit der Subjektivität des Menschen zusammendenkt. Gleichzeitig schliesst Danz sich eng an die reformatorische Pneumatologie mit ihrer Konzentration auf Christus an.

„Vor dem Hintergrund der Problemgeschichte der Geistlehre bindet die vorliegende Untersuchung den Heiligen Geist an die Christologie. Er ist der Geist Jesu Christi, dessen Erinnerung. Mit der genannten Bestimmung des Gottesgeistes wird die traditionelle protestantische Lehrauffassung der Pneumatologie aufgenommen, die die Aneignung des Heils mit dem Gottesgeist verknüpfte.“ (Danz 2019, 3)

Man kann darin eine Konzentration erkennen auf zentrale Linien reformatorischer Theologie – unter den Bedingungen aufgeklärter Rationalität. Danz erinnert daran, dass auch die Reformation eine erhebliche Umwandlung der Pneumatologie mit sich brachte. „Der Heilige Geist steht in der Theologie des Reformators für die wahre Aneignung Jesu Christi durch den Einzelnen.» (Danz 2019, 44)

Danz hält nichts von modernen Versuchen einer Offenbarungstheologie, die Gott und Gottes Wort wie gegebene Realitäten  behandelt. Das Wort Gott lässt sich nur sinnvoll innerhalb der religiösen Kommunikation verorten.

„Gott ist also nichts hinter oder jenseits dem Verstehen. Vielmehr ist das Selbstverstehen der Existenz schon das Verstehen Gottes.“ (Danz 2019, 142)

Damit ist klar, dass für Danz an einer Fortführung der substanzontologischen, metaphysischen Trinitätslehre der Vormoderne nicht zu denken ist. Diese Denkmöglichkeit hat das historische Denken der Aufklärung beseitigt.

Warnung vor zu viel politischer Theologie

 Danz ist ebenso skeptisch gegen alle Versuche, das Wirken des Geistes in allen möglichen Tendenzen der Weltgeschichte zu sehen:

„Solche Ausweitungen des Gottesgeistes sind nicht unproblematisch. Nicht nur wird es undeutlich, was genau unter dem Heiligen Geist zu verstehen sei, wenn jede Erfahrung von Befreiung, Ganzheitlichkeit oder Kritik an der Moderne seinem Wirken zugeschrieben wird. Das Postulat seiner universalen Wirksamkeit schaltet auch jegliche Differenz aus, durch die der Gottesgeist überhaupt erst bestimmbar wird.“ (Danz 2019, 94)

Gleichwohl gibt es auch kein voraussetzungsloses religiöses Kommunizieren. Immer schon setzt religiöse Kommunikation an einen vorhandenen Symbolbestand an, eignet sich ihn nach ihren eigenen Denkmöglichkeiten an und entwickelt ihn dadurch weiter.

Der Aufbau folgt der klassisch trinitarischen Struktur. Von Gott ist zu reden als dem religiösen Verstehen, von Jesus Christus als dem Bild des Glaubens von sich selbst und vom Heiligen Geist als der Erinnerung an Jesus Christus. Ihre Rationalität erweist diese Pneumatologie darin, dass sie den Glauben als ein Sich selbst Verstehen des Menschen deutet, das zugleich immer abhängig ist von geschichtlich vorgegebenen und stets medial vermittelten Deutungsmustern.

b) Der Geist in der Kultur

Jede Uniformität liegt der liberalen Theologie fern. Dass es auch sehr anders geht, zeigt der Münchener Theologie Jörg Lauster. Schon in seinem Buch Die Verzauberung der Welt hatte Lauster eine Kulturgeschichte des Christentums vorgelegt, die im Durchgang durch 2000 Jahre Christentumsgeschichte zeigt: Der christliche Glaube hat sich nicht nur in kirchlichen Strukturen und theologischen Lehren verkörpert, sondern tiefe Spuren in der Menschheitskultur insgesamt hinterlassen.

Sein Buch Der Heilige Geist. Eine Biographie führt diese Linie weiter. Das Christentum hat immer schon eine Vielfalt von Kulturformen aufgegriffen und geprägt. Diese Verkörperung des christlichen Glaubens lässt sich nicht nur als Sinngeschichte, sondern auch als eine Geistesgeschichte auslegen.

«Das Rauschen der Welt ist die Gegenwart des göttlichen Geistes. Denn Gott ist in der Welt präsent als Geist.» (Lauster 2021, 9)

Lauster ist davon überzeugt, dass die klassischen Medien des Christentums nur unzureichend die ganze Fülle des göttlichen Geistwirkens abbilden. Der Geist weht nicht nur auf Kanzeln und Kathedern, sondern auch in den menschlichen Erfahrungen geistlicher Höhenflüge und ästhetischer Genialität. Der Geist weht im Phänomen menschlicher Kreativität:

«Kreativität braucht im wahrsten Sinne des Wortes Esprit – sie ist ein Geschenk des Geistes» (Lauster 2021, 211)

Der Geist weht ebenso in der Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung, in den Visionen und Utopien einer besseren Welt. «Es ist die Kraft des heiligen Geistes, mit der Gott die Geschichte bewegt und lenkt.» (Lauster 2021, 233) Dieser Antrieb wird nicht nur in den positiven Visionen spürbar, auch in der Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung angesichts geschichtlicher Verwerfungen.

Und nicht zuletzt bewirkt der Geist das Verlangen, das geschichtliche Wirken Gottes verstehen und systematisieren zu können, wie es niemand eindrücklicher versucht hat als der Philosoph Hegel.

Den Geist Gottes sieht Lauster natürlich auch in der Pfingstbewegung wirken.

«Die Pfingstkirchen sind global erfolgreich. Ihnen vor allem ist es zu verdanken, dass das Christentum entgegen seiner westeuropäischen Depression eine wachsende Religion ist.» (Lauster 2021, 321)

Krise des liberalen Christentums

Unumwunden räumt Lauster ein, dass diese intensiven und nicht selten fundamentalistischen Formen des Christentums heute offensichtlich mehr Menschen Erfüllung ihrer Bedürfnisse bringen, als der liberal-aufgeklärte Strom des westlichen Christentums, den Lauster als «Sorgenkind» (Lauster 2021, 325) des heutigen Christentums bezeichnet. Die liberale Fähigkeit zur Selbstrelativierung wirkt nicht attraktiv auf Menschen, die Halt in etwas Stabilem suchen. Gleichwohl hält Lauster Untergangsängste für verfehlt.

«Der liberale Weg sieht den Geist in der Freiheit und Weite seines Wesens in der Welt auch dort gegenwärtig, wo er nicht mehr als göttlicher Geist bezeichnet wird.» (Lauster 2021, 326.)

Die jeweiligen kulturellen Erscheinungsformen einer Zeit sollen als genuiner Ausdruck christlicher Transzendenzerfahrung begriffen werden, gerade auch als produktive Weiter- und Fortentwicklung des christlichen Grundimpulses.

3. Heiliger Geist und Befreiungstheologien

Völlig anders setzen heutige Spielarten befreiungstheologischen Denkens an. Anders als im liberalen Paradigma ist der Ausgangspunkt nicht die religiöse Produktivität des Menschen, sei es des Subjekts oder der kulturellen Gestaltgebung. So oder so geht es um einen stärkeren Realismus der göttlichen Gegenwart in den realen Herausforderungen des Lebens. An Pfingsten geht es nicht nur um die Kirche, sondern um alle Welt.

a) Jürgen Moltmann und der Geist der Freiheit

Jürgen Moltmanns Pneumatologie lässt sich in mancher Hinsicht als Gegenentwurf zum liberalen Paradigma lesen. Im Ausgang von seiner trinitarischen Grundlegung der Theologie ist für Moltmann klar, dass der Geist als Geist des Vaters und des Sohnes immer schon in der ganzen Schöpfung gegenwärtig ist. Neben einer breiten biblischen Begründung erarbeitet Moltmann einen weiten Horizont für die Pneumatologie.

«Dieses Buch ist für mich zu einer Entdeckungsreise in ein unbekanntes Land geworden.» (Moltmann 1991, 9)

Eher sollte man sagen: in viele Länder, wenn nicht alle. Es gilt, den Geist wieder zu entdecken „in der Natur, in den Pflanzen, in den Tieren und in den Ökosystemen der Erde“ (Moltmann 1991, 23).

So schreitet Moltmann unterschiedliche Erfahrungsräume ab, Lebens- und Gotteserfahrungen, geschichtliche Erfahrungen in der Bibel und weit darüber hinaus wie Erfahrungen in der Natur. Es geht ihm um das Leben im Geist, wie es sich in unterschiedlichen theologischen Zugängen ebenso spiegelt wie in charismatischen und mystischen Erfahrungen, in der Kirche wie in der Politik, oder kurz:

Es geht nicht nur darum, „Gott in allen Dingen (zu) erfahren“, sondern auch darum: «alle Dinge in Gott zu erfahren.» (Moltmann 1991, 49)

Wird eine solche Entgrenzung nicht nur uferlos, sondern auch konturlos? Trotz aller biblischen und trinitarischen Grundlegungen? Die Richtung ist eindeutig: Stets geht es um die Erfahrungen des Lebens, der Verlebendigung bzw. Vitalisierung, und das sowohl persönlich wie gemeinsam. Der Geist verbindet, trinitarisch im Himmel und so auch auf Erden.

Das verbindende Wirken des Geistes vollzieht sich nie auf Kosten der Individuen. Der Geist Gottes ist ein Geist der Freiheit. Darum hat der Glaube immer auch Konsequenzen; soziale, politische und natürlich auch ökologische. Heiligung muss heute auf die Herausforderung unserer modernen, zunehmend globalen und postindustriellen Zeit bezogen sein.

„Weil die Erde nicht ‚herrenlose Natur‘, sondern Gottes geliebte Schöpfung ist, muss man ihr mit Ehrfurcht begegnen und sie in die Gottesliebe hineinnehmen.“ (Moltmann 1991, 186)

Versuchungen des Autoritarismus

Gerade diejenigen Kreise, die sich in den 1960er und 1970er Jahren gegen eine Politisierung der Kirche aussprachen, waren häufig wie selbstverständlich verbündet mit autoritären oder konservativen politischen Richtungen. Moltmann zeigt, dass diese Allianz von politischen und religiösen Konservativismus im ganzen 19. Jahrhundert selbstverständlich war. Gott, König und Vaterland wurden zu einem autoritären Komplex verschmolzen. Jede Forderung nach Demokratie und politischer Mitbestimmung wurde als Aufruhr gegen die göttliche Ordnung denunziert. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Friedrich Schleiermacher fragt Moltmann:

„Soll aber der Knoten der christlichen Geschichte so auseinandergehen: der Gottesglaube mit der Autorität und die Freiheit mit dem Atheismus?“ (Moltmann 1991, 121)

Wo der christliche Glaube seine Prägung durch die Exoduserfahrung und die messianische Erlösungshoffnung für die ganze Schöpfung verliert, da wird er zum Bestandsschutz autoritäter Machtsysteme in aller Welt.

Moltmann weiss in den 1990er Jahren allerdings auch, dass Befreiungsbewegungen gefährdet sein können, im Kampf gegen das Unrecht selbst totalitär und damit das Gegenteil von dem zu werden, was sie anstrebten.

„Befreiungstheologien, die nicht zu […] demokratischen Föderaltheologien werden, verfehlen das freie Leben und können leicht zur Ideologie elitärer Gruppen und ihrer Erziehungsdiktaturen werden.“ (Moltmann 1991, 126)

Die stark ethische Ausrichtung der Theologie Moltmanns wurde von Anfang an beobachtet und auch kritisiert. Was ist der Gewinn einer solchen Verzahnung von Dogmatik und Ethik? Christliche Ethik erhält so einen spirituellen Ermöglichungsgrund. Die Hoffnung findet Halt und Stärke in einer spirituellen Erfahrung derjenigen Freiheit und Liebe, die sie als Orientierung für ihr Handeln in der Welt erkennt.

Heiligung ist nicht nur individualistisch und religiös aufzufassen, wie es in der Tradition allzu oft geschehen ist.

„Die Separation von den Mächten und Zwängen ‚dieser Welt‘ führt notwendig zur Solidarität mit den Opfern dieser Mächte und Zwänge und dem Einsatz für ihr Leben,“ (Moltmann 1991, 168)

Theologische und ethische Erkenntnisse stehen in einem Wechselverhältnis. Das gilt vor allem für die christliche Kritik autoritärer und hierarchischer Verhältnisse; im Gottesverständnis und im Menschenbild.

„Bildet die Trinität eine Gemeinschaft, dann entspricht ihr die wahre menschliche Gemeinschaft von Männern und Frauen. Eine gewisse Entpatriarchalisierung des Gottesbildes hat auch eine Entpatriarchalisierung und Enthierarchisierung der Kirche zur Folge.“ (Moltmann 1991, 174)

b) Catherine Keller: Feministische Prozesstheologie

In ihrem Buch Über das Geheimnis (2013) beschreibt Catherine Keller eindrücklich die Herausforderung unserer heutigen Theologie. Wesentlich ist für Keller die Unterscheidung zwischen zwei grundlegenden Wegen der Gegenwart, das biblische Zeugnis zu verfehlen: Fundamentalismus oder Relativismus. Keller redet von den Versuchungen des Absoluten und des Dissoluten.

Auf der einen Seite werden theologische Gedanken verabsolutiert; sie werden nicht mehr im Zusammenhang von Leben, Gemeinschaft und Entwicklung begriffen, sondern als absolute Wahrheiten zum Massstab des allein richtigen Glaubens. Auf der anderen Seite werden religiöse Fragen bzw. theologische Antworten vergleichgültigt. Alles wird immer weiter kritisch hinterfragt oder löst sich einfach in Indifferenz auf – zugunsten der bestehenden konsumistischen Haltungen spätmoderner Gesellschaften. An die Stelle dieser fruchtlosen Alternative stellt Keller das Stichwort der Resolution, einen dritten Weg bzw. eine Vielfalt dritter Wege.

Kampf gegen falsche Alternativen

Nach Keller muss es der Theologie gelingen, sich aus solchen falschen Alternativen zu befreien. Prozesstheologie ist dafür ein geeigneter Ansatz; und vor allem die Lehre vom Heiligen Geist erweist sich dafür als hilfreicher Ausgangspunkt. Das Wesen des Geistes ist immer schon Relationalität. Im Denken muss es daher gelingen, immer wieder Beziehungen herzustellen zwischen Beobachtungen, Anliegen und Positionen, die nachvollziehbare Aspekte in eine Diskussion einbringen. So ist Keller im Gespräch mit unterschiedlichen theologischen Ansätzen, sei es evangelisch, sei es katholisch, befreiungstheologisch wie feministisch, und der Sache nach auch offen für die berechtigen Anliegen konservativer Theologie. Ziel aber ist ein anspruchsvoller Mittelweg:

„Theologische Wahrheit kann nicht in Behauptungen eingefangen werden, wie wichtig diese auch sein mögen. Aber sie ereignet sich auch nicht gänzlich ohne Behauptungen.“ (Keller 2013, 48)

Von einem solchem Geistverständnis her ist auch der Umgang mit der Bibel zu erneuern. „Die Bibel wurde als Einfluss und Inspiration herangezogen, nicht als Aufforderung zur Zustimmung. Ihre Metaphern, Zeichen und Gleichnisse werden nicht ihrer Poesie und Indirektheit entkleidet. Sie setzen Spirale um Spirale Bedeutung frei. Diese (zweifellos) biblische Theologie dekonstruiert den Biblizismus als falsche Autorität.“ (Keller 2013, 231)

Die Erfüllung der Joel-Verheissung in der lukanischen Pfingstgeschichte (Apg 2) hat grundsätzliche Bedeutung. Denn in Joels Vision (Joel 3,1ff.) sprengt Gott am Ende klassische Grenzen der Abwertung und der Ausgrenzung.

„Viele von uns ‚Töchtern‘ und Söhnen, ‚alten Männern‘ und Frauen, die aufgrund eines Sexismus oder Ageismus, Klassismus, Rassismus oder Nationalismus nicht gehört und gesehen worden wären – kommen unter seinen Einfluss.“ (Keller 2013, 234)

Es ist wichtig, dass Theologie zu einer Haltung kommt, die die Gefahr der Selbstverabsolutierung ebenso vermeidet wie jede Konturlosigkeit. Und geistlich es, sich auch in einer solchen Haltung nicht zu versteifen:

„Was, wenn ich nun eine doppelte Polarisierung produziert habe? Was, wenn dieser resolute Relationalismus nun eine Position apokalyptischer Tugend gegenüber beiden Positionen einnimmt? Gegen das Absolute einerseits und das Dissolute andererseits? Habe ich uns auf den Pfad einer doppelten Dämonisierung geführt?» (Keller 2013, 249)

Keller nimmt diese Überlegung zum Anstoss für eine „versöhnende Wendung“ (Ebd.) Ja, es wäre möglich, in der Abgrenzung von den radikalen Optionen unserer Zeit genauso radikal ihrer Matrix verhaftet zu bleiben. Die entschiedene Ablehnung jedes dualistischen Denkens wäre in einer Falle, weil die radikale Ablehnung natürlich sofort den Dualismus von Dualismus und Nicht-Dualismus herstellt.

Diese Gefahr ist real. Keller stellt ihr die Überlegung entgegen:

„Um die gegenwärtigen AbsolutistInnen in das Geheimnis zu locken, müssen wir zuerst etwas an ihrem Absoluten lieben.“ (Keller 2013, 250)

Der Wille zur Erhaltung der Tradition und die Leidenschaft für die Wahrheit entstammt ja einer nicht unberechtigten „Sorge über eine kulturelle Dissolution und bedeutungslose Masslosigkeit, über ausbeuterische und verdinglichende Sexualität, über das Verschwinden des Glaubens im öffentlichen Raum.“ (Keller 2013, 250)

Die konservative Sehnsucht nach Stabilität und Tradition sei mit Respekt und mehr, Liebe zu würdigen. Das gleiche gilt allerdings auch für die „säkularen RelativistInnen“. Die säkulare Gesellschaft ist ja nicht intrinsisch religionsfeindlich, sondern erst einmal faktisch plural, und darum ablehnend gegenüber allen Versuchen, das Ganze von irgendwoher bestimmen zu wollen; und das waren klassisch nun mal die Religionen.

Aber die liberale Moderne mit ihrem vermeintlich wertfreiem Säkularismus trage auch maßgeblich dazu bei, dass die „verzehrenden Werte des Konsumismus verschleiert werden“ (Keller 2013, 251). Die Gefährdung des Relativismus besteht darin, dass er sich potenziell auflöst in einen Nihilismus, der selbst schon wieder eine Nachahmung des Absoluten ist.

Der prozessuale Weg, der Keller vorschwebt, sagt Ja zu einer Relativität all unserer Wahrheitsansprüche, die durch eine Relationalität ausbalanciert werden muss; durch ein Bezogensein auf und für andere. Für diese Haltung gilt: „Diese Bezogenheit ist in gewissem Sinne absolut!“ (Keller 2013, 252)

Catherine Keller tastet sich dabei bewusst einer Synthese entgegen, in der biblischer Sprachmuster und moderne Denkversuche einander berühren und begleiten, ohne je fixe, absolute Gestalt anzunehmen.

„Der Weg schlängelt sich weiterhin ins Ungewisse. Und doch können wir wissend und in vertrauensvoller Weisheit den nächsten Schritt wagen. Wenn wir Ohren haben zu hören, was der Geist sagt – das Alpha der Anfänge ist immer jetzt, das Omega unserer Ziele und Zwecke (ends) liegt immer genau vor uns. Es wurde bereits imaginiert, noch bevor wir geboren wurden. Es lockt uns in eine Zukunft lange nach unserem Tod. Die Möglichkeit tanzt wie züngelnde Flammen entlang des Randes unserer Endlichkeit.“ (Keller 2013, 252)

4. Heiliger Geist in den pfingstkirchlichen Theologien

Rein zahlenmässig gibt es kein Phänomen der neueren Geschichte, das grössere Kreise zieht als das Anwachsen der Pfingstbewegung. Was Anfang des 20. Jahrhunderts in kleinen Gemeinschaften begonnen hat, bestimmt heute bis zu 500 Millionen Gläubige.

Noch immer schaffen es viele auch professionelle Theologietreibende im Westen, die Bewegung und ihre eigenen Äusserungen weitgehend zu ignorieren. Längst gibt es aber eine Generation professioneller Theolog:innen mit pfingstkirchlichem Hintergrund, die man studieren kann wie andere theologische Richtungen auch. Ansätze neuer Systematischer Theologie pfingstlich-charismatischer Kirchen, wie sie sich z.B. in der Society of Pentecostal Studies sammeln (Theologinnen und Theologen wie Amos Yong, Veli-Matti Kärkkäinen, Daniela Augustin, Cheryl Bridges Johns, Frank Macchia, Simon Chan etc.) sind längst eine wichtige Herausforderung der deutschsprachigen Theologie.

a) Studebaker und der Ausgangspunkt der Geisttaufe

Was ist das Besondere an der neueren pentekostalen Pneumatologie? Steven M. Studebaker beschreibt, wie sich eine zunehmende Suche nach dem eigenen theologischen Profil durchgesetzt hat. Er vertritt dabei die Grundthese: Pfingstliche Theologie hat bislang versucht, die eigenen Erfahrungen mit Hilfe von theologischen Paradigmen zu beschreiben, die dafür nicht geeignet waren.

Machen wir uns das an der zentralen Erfahrung pentekostaler Frömmigkeit deutlich, der Geistestaufe. Wie kommt es, dass ein solcher ungewöhnlicher Begriff Inbegriff neuer ekstatischer Erfahrungen wie das Sprechen in unverständlichen Sprachen, Heilungserlebnissen wird? Am Anfang steht der Versuch, neue Erfahrungen im Horizont klassischer Konzeptionen zu deuten.

So wurde man geprägt durch die reformierte Scholastik, von Theologen wie Theodor Beza (1519-1605), William Ames (1576-1633), Francois Turrentini (1623-1687), Peter van Mastricht (1630-1706). In den meisten reformatorischen Soteriologien wird stark unterschieden zwischen dem objektiven Heilswerk Christi und der objektiven Rechtfertigung durch das Wort und den wort-/geistgewirkten Glauben; und der subjektiven Vertiefung und Fortführung der Rechtfertigung in der Heiligung des Gläubigen. Christus hat unser Heil erworben; im Heiligen Geist wird es uns zugeeignet. Verknüpft wurde damit die Vorstellung eines Heilsweges.

Im Reformierten Ordo Salutis ging man aus von einer Reihung wesentlicher Erfahrungen des Heilshandelns Gottes: Erwählung, Berufung, Erneuerung, Glaube und Buße, Rechtfertigung, Adoption, Heiligung, Ausharren und Verherrlichung. Für die frühen Pfingsterfahrungen wurde die Ergänzung im Methodismus wesentlich, die bei einer durchdringenden Verähnlichung mit Christus von einer Taufe im Heiligen Geist reden konnte.

Die frühen Erfahrungen der Ergriffenheit (Sprachengebet etc.) wurden als Zeichen gedeutet, gewissermassen an dieser Station angekommen zu sein; was nicht selten zur Kritik an einem solchen Perfektionismus führte. Für Studebaker ist dieses Schema zu stark mit einer Logik der Fragmentierung der Heilserfahrung verbunden. Die Theorie trennt, was in der Erfahrung zusammengehört. Vor allem die Geisttaufe wird eine zusätzliche, nicht nötige Gabe.

„Das Werk des Geistes kommt lediglich in der darauf folgenden Lehre von der Geistestaufe zum Vorschein. Das Ergebnis ist, dass die Pfingstbewegung einen pneumatologischen Aspekt des Heils an der Stelle einer umfassenden pneumatologischen Soteriologie artikuliert. Der Ort, den das Werk des Geistes im pfingstlichen ordo salutis hat, reproduziert und akzentuiert jene Subordination des Geistes, die sich in der protestantisch-scholastischen Soteriologie wiederfindet.“ (Studebaker 2014, 227)

Pfingsten ist keine zweitklassische Angelegenheit

Ein solches Paradigma erlaubt keine genuin pentekostale Theologie des Geistes. Denn es ist mit einer prinzipiellen Subordination des Geistes verwoben, die pfingstlicher Erfahrung diametral widerspricht.

Studebakers Vorschlag lautet: Pfingstkirchliche Theologie sollte aufhören, die eigenen Erfahrungen mit den Schemata anderer theologischer Traditionen zu deuten. Vielmehr bedarf es einer Erneuerung der Erlösungslehre insgesamt. Interessanterweise seien aus pentekostaler Sicht ostkirchliche Entwürfe anregender als katholische und evangelische. Im Anschluss an die Ostkirche sollte die Subordination des Geistes verabschiedet werden.

Die Analyse verschiedener Aspekte darf keine Aufspaltung und Nachordnung zur Folge haben. Nach Röm 4,25 und Röm 8,11 gehören Kreuz und Auferstehung, Geistwirken und Rechtfertigung immer schon zusammen. Es geht nicht darum, Rechtfertigung und Heiligung zu vermischen. Das Werk Christi wird immer schon in der Macht des Geistes vollbracht. Und es ist derselbe Geist, der dieses Heil im Einzelnen und in der Gemeinschaft zur Wirkung bringt. Das Erlösungshandeln Gottes ist immer schon pneumatologisch durchsetzt (Studebaker 2014, 230)

„Erstens sind das Werk Christi und das des Geistes im Vollbringen der Erlösung vereint. Zweitens bewirkt Gottes Rechtfertigungstat im Gläubigen die Neuschöpfung des erlösenden Werks Christi.“ (Studebaker 2014, 231)

b) Frank Macchia: Jesus the Spirit Baptizer

Auch andere pentekostale Theolog:innen arbeiten an einer Theologie, die im eigenen Erfahrungskontext und der dort gelesenen und verstandenen Bibel ihren Ausgangspunkt nimmt. Exemplarisch kann man auf Frank Macchia Buch Jesus The Spirit Baptizer (2021) verweisen.

Wo begegnet uns Christus? Die Christuserkenntnis lässt sich weder historisch noch dogmatisch einleuchtend herleiten. Ausführlich setzt sich Macchia kritisch mit Pannenberg auseinander: Die geschichtliche Erkenntnis Christi bleibe letztlich unzureichend. Das habe Bultmann mit Recht betont, wenn er sagt: Christus erschliesst sich nur dem Glauben aufgrund des Kerygmas. Ausgangspunkt für jede Christuserkenntnis ist somit eine Christuserfahrung, in der Jesus Menschen in einer Weise persönlich einleuchtet, wie es auf argumentativem Wege nie zu erzielen ist. Insofern ist Pfingsten, eine geistgewirkte Gottes- und Jesus-Erkenntnis immer schon der Zugang zur Christologie.

Erst von Pfingsten her sieht man den ganzen Christus

Pfingsten ist in der Bibel zugleich eingebettet in die trinitarische Geschichte Gottes mit seinem Volk. Nur die Erfahrung der göttlichen Selbstmitteilung als Liebe könne gewiss machen, dass es sich bei Christus um Gottes Selbstoffenbarung handle. Darum greife jede Christologie zu kurz, die Pfingsten erst einmal außen vorlasse oder in einer Art Anhang behandle, nach dem die vermeintlich wichtigsten Dinge schon gesagt sind.

Von Pfingsten her bekommen wir auch die Einheit des Weges Jesu in den Blick. Inkarnation auf der einen Seite, Kreuz und Auferstehung auf der anderen Seite – so wurde und wird in vielen Christologien der Kirchengeschichte auseinander gerissen, was in den biblischen Texten in einem Narrativ verwoben ist (Phil 2,5ff)

Neben der Pfingstgeschichte ist vor allem die synoptische Erzählung der Taufe Jesu zentral. Obwohl diese in den Evangelien sehr stark hervorgehoben  ist, wurde sie in der dogmengeschichtlichen Tradition sträflich unterschätzt.

Offensichtlich findet hier aber eine zentrale Erschliessung statt, dass in diesem Jesus sich zugleich Gott der Vater und der Heilige in bisher einzigartiger Weise zu erkennen geben. In der Taufe wird die unauflösliche Zusammengehörigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist anschaulich. Das ganze Wirken Christi wurzelt in diesem Beziehungsgeschehen. Jesu Auftrag, im Heiligen Geist und im Feuer zu taufen, teilt der Welt mit, was zuvor an ihm selbst in einzigartiger Weise sichtbar wird. In Christus wird die wechselseitige Selbstmitteilung des dreieinigen Gottes der Menschheit insgesamt zugewendet.

Die überragende Bedeutung von Pfingsten liegt darin, dass hier alles zusammenkommt: Christus wird erkennbar als der Gekreuzigte und Auferstandene. Als solcher ist er der in Ewigkeit von Gott Gesandte, der zugleich auch als der Kommende geglaubt wird. Ohne Pfingsten zerfällt die Christologie allzu leicht bzw. wird reduziert auf ein vermeintlich eindeutiges Zentrum, das sich auf Kosten der anderen Aspekte in den Vordergrund drängt. Erst von dieser Erfahrung der göttlichen Selbstmitteilung in Christus her lässt sich die Einheit Christi als König, Priester und Prophet begreifen.

Ist die Selbstmitteilung Gottes entscheidend, dann gehört zum geistgewirkten Glauben stets auch die Sendung dazu: Jesus tauft die Seinen im Heiligen Geist und bevollmächtigt sie so zu ganzheitlicher Nachfolge. Als der Wiederkommende ist Christus zugleich der neue Mensch, der, dem wir gleichgestaltet werden sollen. Nur die Betonung des pfingstlichen Christus stellt sicher, dass Nachfolge immer in Vielfalt geschieht und Kirche in Vielfalt leben kann.

Macchias Ansatz ist offenbarungs- und bibeltheologisch bestimmt, traditionskundig und dialogoffen, zugleich innovativ darin, die pentekostale Grunderfahrung zur organisierenden Mitte auch der dogmatischen Christologie zu machen. Gering ist der geistige Austausch mit der Gegenwartskultur der modernen Welt. Auch die historisch-kritische Exegese wird selektiv und behutsam rezipiert. So viel aber kann man aufgrund der Entwicklung der letzten Jahrzehnte sagen: Pentekostale Theologie muss nicht fundamentalistisch oder antiintellektuell sein. Sie könnte auch uns im alten Westen neue Perspektiven erschliessen.

5. Vielfalt des Geistes als Zeichen der Zeit

Welchen Sinn hat heute Pfingsten? Und ist es schlimm, dass die heutige Theologie so vielstimmig antwortet? Bis heute gibt es in den Beziehungen unterschiedlicher theologischer Entwürfe zueinander immer wieder Reibungen: zwischen liberalen und realistischen Pneumatologien wie zwischen pentekostalen, katholischen und reformatorischen Entwürfen, bibel- und erfahrungsorientierten Ansätzen.

Es ist ein regelrechtes Paradox der neueren Theologien zum Heiligen Geist: Fast alle betonen, wie sehr der Geist Vielfalt und Diversität begründet. Mit theologischer Vielfalt tun sich die meisten hingegen schwer.

Vielleicht ist es die Chance der gegenwärtigen Situation, im Vergleich der heterogenen Ansätze ein Gefühl für ihre Stärke, aber auch Einseitigkeit zu gewinnen. Der Geist weht wo er will – und offenbar will er sich einfach nicht stellen lassen. Vielfältig sind die Versuche, das Reden vom Geist heute zu vereindeutigen. Und verständlich: Je vielfältiger die Welt wird, desto dringender regt sich hier und dort das Bedürfnis nach Übersicht und Klarheit. Doch die Beziehungen von Zeitgeist und Gottesgeist sind komplex.

Auf allen Wegen zeigt sich die Gefahr, vermeintliche Theologien des Heiligen Geistes so zu verwenden, dass sie auf die Rechtfertigung der eigenen Erfahrungswelt und ihre Immunisierung gegen Kritik von aussen hinausläuft. Sicherlich gehören Trost und Vergewisserung zum Heiligen Geist und sind somit ein legitimer Teil von Pneumatologie. Aber sollte das Moment des Fremden, der herausfordernden Öffnung, der Sendung in immer neue Kontexte und die kreative Erweiterung unserer Grenzen nicht auch zutiefst geistlich sein? Und sollten wir nicht alle lernen, dass wir auf einer ökumenischen Reise sind und weder Jesus noch den Geist bewahren können, wenn wir unsere Ohren und Augen vor den Erfahrungen anderer Gläubiger verschliessen?

«Die Fülle des Geistes kann keine irdische Form des Christentums jemals vollständig verwirklichen.» (Lauster 2021, 326)

Es dürfte immer ein geistliches Ereignis sein, wenn Theologinnen und Theologen anfangen, diese Einsicht selbstrelativierend auch auf ihre eigene kirchliche Prägung anzuwenden. Pfingsten ist eine gute Gelegenheit, auf solche Gedanken zu kommen.

Literatur

Berkhof, Hendrikus (21988): Theologie des Heiligen Geistes, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag.

Danz, Christian (2019): Gottes Geist. Eine Pneumatologie, Tübingen: Mohr Siebeck.

Lauster, Jörg (2021): Der Heilige Geist. Eine Biographie, München: C.H. Beck.

Keller, Catherine (2013): Über das Geheimnis. Gott erkennen im Werden der Welt, Freiburg: Herder Verlag.

Macchia, Frank (2021): Jesus The Spirit Baptizer. Christology in Light of Pentecost. Grand Rapids: Eerdmans Publishing Co.

Moltmann, Jürgen (1991): Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie, München: Chr. Kaiser.

Studebaker, Steven M. (2014): Pfingstliche Soteriologie und Pneumatologie, in: Handbuch pfingstliche und charismatische Theologie (2014). Hrsg. von Jörg Haustein und Giovanni Maltese, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 211-231.

Welker, Michael (72022): Gottes Geist. Theologie des Heiligen Geistes. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Welker, Michael: „Geist Gottes“, Version 1.0, in: Onlinelexikon Systematische Theologie, ISSN 3052-685X, 1. Mai 2025. DOI: https://doi.org/10.15496/publikation-104735

Zum Heiligen Geist in der Bibel siehe: Geist.Zeit mit Jörg Frey. Karriere des Heiligen Geistes

Worthaus mit Siegfried Zimmer: Was wir aus dem Alten Testament über den Heiligen Geist lernen können.

Worthaus mit Volker Rabens, Begeisternde Spiritualität – Der heilige Geist im Neuen Testament

Zur Geschichte der Pneumatologie siehe auch den Worthaus-Vortrag von Thorsten Dietz: Der Heilige Geist – der geheimnisvolle Gott

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