Dieser Literaturtipps gehören zur grossen Stoffwelt: Das Bibel Dossier
Das Interesse an der Bibel ist nach wie vor gross. Auch wenn eine klassische Bibelfrömmigkeit der regelmässigen Lektüre heute selten ist, ist eine unterschwellige Neugierde auf die Bibel bis heute verbreiteter, als viele denken. Die Leipziger Bibelstudie hat die entsprechenden Befunde geliefert: Immer noch machen Menschen die Erfahrung, dass die Bibel begeistern kann.

«Verstehst Du auch, was du liest?»
Mühelos zugänglich ist die Bibel zugleich nicht. In einer Sammlung von 66 Büchern, die vor 2000-3000 Jahren geschrieben wurden, versteht sich sehr vieles nicht von selbst. Ohne Starthilfe gelingt ihre Lektüre in der Regel nicht. Das war bereits zur Zeit der Entstehung der Texte so, wie ein kurzer Dialog im Neuen Testament zeigt: «Verstehst Du auch, was du liest? (Apg 8,30)», fragt in der Apostelgeschichte ein frühes Mitglied der urchristlichen Gemeinschaft einen Äthiopischen Tempelpilger. «Wie kann ich, wenn mich niemand anleitet? (Apg 8,31)», antwortet dieser.
Unseriöse Alternativen
Wer sich für eine Starthilfe interessiert und auf dem Büchermarkt umschaut, steht oft vor einer schwierigen Wahl: Es finden sich entweder wissenschaftliche Bücher, die in der Regel Studienanfänger:innen einen Zugang zu den Bibelwissenschaften geben wollen. Für die Beantwortung religiöser oder zeitgenössischer Lebensfragen sind diese Werke in der Regel nicht geschrieben.
Oder es finden sich allgemeinverständliche Anleitungen zu einer persönlichen Bibellektüre, die den historischen Abstand der Bibel zu unserer Welt so weit es geht (und oft viel weiter…) minimieren, um die Bibel unmittelbar als Gottes Wort in Anspruch nehmen zu können.
Das erste muss sein, ist aber zum Einstieg kaum hilfreich. Das zweite scheint auf den ersten Blick die Bibel zugänglich zu machen, hat aber auf Dauer schon vielen den Zugang zur Bibel verleidet.
Die Wahl zwischen wissenschaftlich, aber kaum verständlich, und leicht zugänglich, aber unseriös, ist glücklicherweise nicht zwingend. Es gibt etliche Bücher dazwischen, verfasst von Bibelwissenschaftler:innen für Interessierte ohne Theologiestudium.
Unsere Literaturtipps
In diesem Beitrag tragen wir von Fokus Theologie ein paar Hinweise zu solchen Büchern zusammen. Aus schönen Gründen: Das Interesse an unserem Bibel-Dossier war grösser als erwartet. Und immer wieder wurden wir nach hilfreicher Literatur zur Bibel gefragt. Unsere Liste ist offen und wird im Laufe der Zeit immer wieder einmal ergänzt werden.
Und bitte: Sendet uns Eure Literaturtipps mit ein paar Anmerkungen an digital@fokustheologie.ch. Vielleicht nehmen wir sie in die Liste auf.
Die Deutsche Bibelgesellschaft: www.die-bibel.de
Diese Webseite bietet eine Fülle an klickbaren Materialien zum eigenen Lesen und Studium der Bibel. Vor allem unter https://www.die-bibel.de/ressourcen geht es wirklich zu Sache: Umfangreiche Informationen zur Umwelt und Zeit der Bibel, ihrer Entstehung und Überlieferung, ihrer Struktur und ihrer Inhalte (Bibelkunde). Ein tolles (wenn auch nicht selten anspruchsvolles) Werkzeug ist «Das wissenschaftliche Bibellexikon» WiBiLex. https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex.
Konrad Schmid; Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. München: Verlag C.H.Beck 2019.
Wie wurde aus vielen Stimmen, religiösen Deutungen und kontinuierlicher Textarbeit eine Sammlung heiliger Schriften für das Judentum und das Christentum? Auf dem aktuellen Stand der Forschung bieten die beiden Autoren eine Biografie der Bibel. Wie verwoben darin Glauben, politische Krisen, jahrhundertelange Geschichte und Literatur sind, ist spannend zu lesen. Ein ergiebiges Buch für alle, die die Bibel nicht mit eigenen Fragen vereinnahmen, sondern sie in ihrer Fremdheit stehen lassen wollen. Dass die Bibel gerade so ihre Wirkung entfaltet hat und bis heute eine Quelle ist, aus der Juden wie Christen leben, wird im Schlusskapitel deutlich.
Walter Klaiber: Die Botschaft des Neuen Testaments. Eine kurz gefasste neutestamentliche Theologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021.
Wer eine fundierte und zugleich für heute anregende Kommentierung des Neuen Testaments sucht, kommt an der vielbändigen Auslegungsreihe «Die Botschaft des Neuen Testaments» des früheren methodistischen Bischofs Walter Klaiber nicht vorbei. In einem eigenen Band entwickelt Klaiber eine «kurz gefasste neutestamentliche Theologie». Zentrale Themen wie Reich Gottes, Kreuz und Auferstehung Jesu etc. werden in ihrer neutestamentlichen Vielfalt erschlossen und zugleich in ihrer Relevanz für heute verständlich gemacht.
Stefan Wälchli: Glaubenswelten der Bibel. Eine kleine Geschichte des biblischen Glaubens und der Entstehung der Bibel. Zürich: TVZ 2007.
Stefan Wälchli bietet mit seinem Buch die kompakteste Gesamteinführung in das Verständnis der Bibel. Dieses kurze Buch (200 S.) bietet einen kompakten Überblick zur Entstehung der Bibel und eine Darstellung der wichtigsten Epochen der biblischen Glaubensgeschichte. Wälchli macht anschaulich deutlich, wie sehr sich die Gottesbeziehung in der Geschichte Israels immer wieder wandelt. Zum Neuen Testament führt Wälchli ein in die Zeit Jesu, die vielfältigen Perspektiven der Evangelien und die Entwicklung des urchristlichen Denkens von Paulus und Johannes bis zu den Anfängen der Kirche im 2. Jahrhundert.
Ulrich Luz (Hg.): Zankapfel Bibel. Eine Bibel – viele Zugänge. Zürich: TVZ 1992
Die Zugänge zur Bibel waren schon immer vielfältig. Selten wurde das so eindrücklich sichtbar wie in diesem klassischen Sammelband von Ulrich Luz. Zum Bibeltext Mk 6,30-44 werden Auslegungen präsentiert, die sich neben der klassischen historischen Exegese, der Feministischen Theologie, dem Fundamentalismus, dem Evangelikalismus, der tiefenpsychologischen und befreiungstheologischen Schriftauslegung zurechnen. In seinem Nachwort zeigt Luz, dass die historisch-kritische Auslegung wohl unverzichtbar sei, aber auch die anderen Zugänge ein gewisses Recht haben. In mancher Hinsicht ist das Buch heute natürlich veraltet; seine Grundidee ist nach wie vor anregend.
Luise Schottroff: Lydias ungeduldige Schwestern. Feministische Sozialgeschichte des frühen Christentums. Gütersloher Verlagshaus 1994.
Wissenschaftliche Exegese war lange Zeit eine Sache von Männern – und man merkt es in der Forschung bis heute. Luise Schottroff hat in ihrem längst zum Klassiker gewordenen Buch die oft übersehenen Erfahrungen von Frauen in den neutestamentlichen Gemeinden sichtbar gemacht. Schottroff zeigt, wie Frauen in der frühen Jesusgemeinschaft von Anfang an die Entstehung und Ausbreitung der christlichen Bewegung mitgeprägt haben. Schottroff macht auch deutlich, wie stark neutestamentliche Texte von einer antiken Herabsetzung von Frauen geprägt sind. Zugleich zeichnet sie nach, wie es im frühen Christentum Gegenakzente einer gleichberechtigten Menschheit gibt, die uns heute noch inspirieren können.
Rainer Kessler: Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments. Gütersloher Verlagshaus 2017.
Das Alte Testament wird heute nicht selten pauschal abgewertet oder auch selektiv für verbindlich erklärt. Wie abwegig beides ist, zeigt der Alttestamentler Rainer Kessler in seiner umfangreichen und zugleich gut verständlichen Ethik des Alten Testaments. Differenziert je nach Gattung und Epoche zeichnet Kessler nach, welche ethischen Vorstellungen in der jeweiligen Epoche eine Orientierung für das Leben in Gemeinschaft gegeben haben. Wer den historischen Kontext dieser Texte ernst nimmt, weiss um den Abstand zur heutigen Lebenswelt. Kessler zeigt zugleich eindrücklich, wie inspirierend biblische Bücher auch heute noch für unser Leben sein können.
Das Neue Testament jüdisch erklärt. Hg. von der Deutschen Bibelgesellschaft. Stuttgart 2021
In diesem von der Deutschen Bibelgesellschaft herausgegebenen Band werden alle Schriften des Neuen Testaments aus ihrem geschichtlichen Kontext des Judentums heraus erklärt. Und mehr: neben der Kommentierung des Neuen Testaments durch jüdische Fachleute bietet dieser Band auch eine Sammlung von Essays, die grundsätzliche Themen zum Verhältnis von Judentum und Christentum behandeln, von der historischen Entwicklung der beiden Religionsgemeinschaften bis zum Dialog der letzten Jahrzehnte. Wer sich von antijüdischen Fehlinterpretationen der Bibel verabschieden möchte, findet hier ausgezeichnete Anregungen aus erster Hand.
Bibelbewusst leben. Zum Handeln herausfordernde Texte der Bibel erklärt. Hg. von Thomas Hieke und Konrad Huber. Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk 2026
In diesem Sammelband werden zentrale Themen der Ethik aus einer bibelwissenschaftlich fundierten Perspektive behandelt. Renommierte Fachleute (wie Ilse Müllner, Thomas Söding, Rainer Kessler, Ruben Zimmermann, Katrin Brockmöller etc.) besprechen in kurzen und griffigen Beiträgen Fragen wie Gerechtigkeit und Frieden, Schöpfungsverantwortung und soziale Gerechtigkeit, Sexualethik und persönliche Nachfolge. Das Buch wendet sich auch heissen Eisen zu und macht deutlich: Ohne historisch verantwortete Auslegung wird Bibelgebrauch unverantwortlich. Wer sich redlich auf die Texte einlässt, kann auch heute noch viel Erhellendes mitnehmen.
Richard Rohr: Der Weg des Propheten. Biblische Weisheit für Zeiten des Umbruchs. Gütersloher Verlagsanstalt 2025.
Rohr ist ein Franziskaner, der zurecht als einer der einflussreichsten spirituellen Autoren der Gegenwart gilt. Im Laufe seines Lebens hat er immer wieder Einführungen in biblische Bücher verfasst. Wie in diesem Genre üblich und fast unvermeidlich, wird dabei manchmal bis zur Schmerzgrenze vereinfacht. Gleichzeitig nimmt Rohr historische Exegese ernst und vermittelt grundlegende Erkenntnisse. In seinem jüngsten Buch über die Propheten ist der Einfluss des bekannten amerikanischen Bibelwissenschaftlers Walter Brueggemann spürbar. Rohrs Deutung der Propheten macht diese Texte anschaulich, es ermutigt zu einer eigenen Entdeckungsreise in der Welt des Glaubens und gibt hilfreiche Impulse zur Deutung auch unserer Gegenwart.
Gordon D. Fee, Douglas Stuart: Effektives Bibelstudium. Die Bibel verstehen und auslegen. Giessen: Brunnen Verlag, 10. Aufl., 2024.
Evangelikale Hinführungen zur Bibel haben häufig das Problem, dass sie die Bibel vereinheitlichen und vereindeutigen. Es wäre aber töricht, aus dieser Welt nichts mehr wahrnehmen zu wollen. Das Buch «Effektives Bibelstudium» ist von Vereinheitlichungstendenzen nicht ganz frei. Wer darum weiss, kann es gleichwohl sinnvoll benutzen. Denn den beiden Autoren ist eine Hinführung gelungen, die wichtige Unterschiede zwischen Gattungen anschaulich und unterhaltsam vermittelt. Gerade für freikirchlich geprägte Gläubige ist dieses Buch eine ideale Hinführung in historisches und differenziertes Bibellesen, so sehr, dass es auch für alle anderen einen Blick wert sein dürfte.
Links zum Thema Literaturtipps zum Bibellesen
Dieser Beitrag gehört zum Bibel Dossier von Fokus Theologie. Vgl. vor allem die Beiträge Ist die Bibel Gottes Wort?, 7 Gründe, sich über die Bibel zu wundern, Die Bibel – die Schrift – das Wort Gottes.
Foto von Vlado Paunovic
