Martin Benz: Wenn die Kirche nicht mehr passt.

Eine Buchbesprechung von Thorsten Dietz

Die Zukunft der Kirche beschäftigt viele – vor allem in den Kirchen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Zukunft der Kirchen für viele Menschen unserer Zeit längst keine wichtige Frage mehr ist.

Auch der evangelische Theologe Martin Benz setzt sich in seinem Buch «Wenn die Kirche nicht mehr passt» mit dieser Frage auseinander: Wie muss Kirche Kirche sein, wenn sie als Kirche Zukunft haben will?

Benz geht in seinem Buch vor allem von Menschen aus, die sich lange in freikirchlichen bzw. evangelikalen Gemeinden bewegt haben und die nicht selten Postevangelikale genannt werden. Benz kennt das freikirchliche Spektrum. Er steht mit vielen im Kontakt, die in den bisherigen Gestalten von Freikirche nicht mehr glücklich werden, sich aber auch nicht einfach einer Landeskirche anschliessen wollen. Was lässt sich von diesem Buch aus einer bewusst landeskirchlichen Perspektive lernen?

1. Postevangelikale Aufbrüche

Den grossen Kirchen wird oft vorgeworfen, dass es bei ihnen zu viel Beliebigkeit, zu wenig Konzentration auf Glauben und zu viel gesellschaftliche und politische Themen gibt. Freikirchen gelten für manche Kirchenkritiker als Gegenbeispiel: Hier gehe es noch um Glaube und nicht um Politik, hier gibt es noch wachsende Gemeinden, gegen alle sonstigen Trends. 

In der Tat: Auch wenn man nicht von nennenswertem Wachstum reden kann, sind die Zahlen von Freikirchen deutlich stabiler als die der Landeskirche. Aber auch im vermeintlichen Erfolgsmodell Freikirchen gibt es Fragen und Probleme. Anders, als in manchen Selbstberichten oder auch Medien dargestellt, gibt es keinen generellen Aufschwung.

Mit Verweis auf einschlägige Studien zeigt Benz, warum Freikirchen zwar stabiler sind, aber letztlich auch kein grosses Wachstum aufweisen können.

  • Freikirchen haben Zulauf von Menschen, die aus den Landeskirchen zu ihnen wechseln.
  • Freikirchen profitieren von der Migration von Menschen, die charismatische Frömmigkeit schon mitbringen und in Freikirchen leichter Anschluss finden als in Landeskirchen.
  • Sichtbare Erfolgsprojekte der freikirchlichen Welt leben nicht selten von Transferwachstum, also vom Zustrom von Menschen, die zuvor schon in anderen, ähnlichen Gemeinden geprägt wurden.

In die  säkulare Gesellschaft hinein haben Freikirchen  praktisch kaum Missionserfolge. Was ihnen gelingt, sind Angebote für jüngere Generationen und Aktivierung zur Mitarbeit.

Aus seinen Erfahrungen mit zahlreichen Aussteigern aus der evangelikalen Welt fasst er in diesem Buch noch einmal kurz die Probleme zusammen, die viele in evangelikalen Kreisen erfahren haben. Wo Glaube sehr starke Abgrenzung nötig hat, führt er nicht selten in die Enge.

Wo die eigene Theologie nicht grundsätzlich hinterfragt werden darf, kann Wissenschaftsskepsis die Folge sein.

Eine klare und eindeutige Moral ist für gar nicht so wenige Menschen erst einmal attraktiv. Zugleich zeigen etliche Erfahrungen, dass die moralische Eindeutigkeit auch zu Problemen führt. Der Anspruch eigener moralischer Klarheit ist eng verbunden mit einer kulturskeptischen Grundhaltung.

Daraus entstehen Misstrauensgemeinschaften, wie Benz es im Anschluss an den Dortmunder Soziologen Aladin El-Mafaalani nennt. Christliche Kreise reissen einzelne biblische Verse, die einer mit der heutigen Welt unvergleichlichen antiken Welt entstammen, aus dem Zusammenhang und erwecken so den Eindruck, dass die Welt bzw. die Menschen ausserhalb des Glaubens grundsätzlich feindselig gegenüber dem Christentum seien. Umfassendes Misstrauen wird zur christlichen Tugend.

Viele (ehemalige oder auch aktuelle) Mitglieder von Freikirchen hätten genug von einem apologetischen Christentum, das sich ständig verteidigt gegen vermeintliche Angriffe und sich in allen Fragen als alleinige bzw. mindestens hoch überlegene Gestalt des christlichen Glaubens ausgeben muss.

2. Die Notwendigkeit neuer Gestalten von Kirche

Benz bleibt nicht bei der Diagnose der Schwierigkeiten stehen. Er möchte positive Impulse setzen. Viele, die ihre früheren Gemeinden verlassen haben, wollen weiter glauben, gerne auch in Gemeinschaft mit anderen.

Zugleich macht Benz deutlich: Praktische Gemeindeentwicklungsmodelle allein sind keine Lösung. Die Optimierung bisheriger Kirchen- und Gemeindepraxis ist sicher hier und da hilfreich. Aber die kulturellen Veränderungen unserer Zeit sind so erheblich, dass die Kirche insgesamt über zukünftige Gestalt nachdenken muss.

«Eine Kirche der Zukunft braucht nicht nur weiterentwickelte Inhalte (Zutaten), sondern auch weiterentwickelte Formen. Neue Inhalte in alten Formen werden die Kirche nicht wirklich in die Zukunft bringen.»

Das gilt nicht zuletzt für viele Menschen, die Religion und Kirche kaum noch kennen und letztlich auch nicht vermissen. Viele Menschen sind mit ihrem Leben zufrieden. Sie vermissen keine Gottesdienste, zumindest nicht in der Gestalt, wie sie heute gefeiert werden. Eine blosse Modernisierung des Denkens und der Werte in der Kirche führt keineswegs dazu, dass sich Menschen wieder mit dem Christentum identifizieren. Kirche der Zukunft kann nicht einfach eine optimierte Version dessen sein, was wir schon kennen. Es wird nicht reichen, alles Problematische abzulegen und zu denken, dass die Menschen das früher oder später merken werden und in Scharen zurückkehren.

Tillman Haberer hat in seinem Buch «Kirche am Ende. 16 Anfänge für das Christsein von morgen» (2023) betont, wie sehr Postevangelikale die landeskirchliche Welt bereichern können.  Im Buch von Martin Benz kann man lernen, was viele von ihnen suchen und offenbar nicht immer im landeskirchlichen Kontext finden. Sie suchen nach Glauben im Kontext eines aufgeklärten Denkens, eine an Menschenrechten und Nächstenliebe orientierte Moral. Der grosszügige Liberalismus der Landeskirchen ist vielen sympathisch. Zugleich ist dieses positive Bild von Kirche, das etliche von ihr haben, für diese Menschen noch kein Grund, sich mit ihr zu identifizieren, sich in ihr zu engagieren oder an ihren Angeboten teilzunehmen.

In Landeskirchen hört man immer öfter den Wunsch, Kirche mit den Menschen, Kirche der Menschen zu sein. Das ist sicher eine gute Entwicklung. Zugleich muss man wohl auch sagen: Die meisten Menschen haben einfach nicht das Ziel, Menschen der Kirche, Menschen mit der Kirche zu werden. Das gilt auch für Postevangelikale.

3. Die zentrale Aufgabe der Kirche: Mensch werden

Für Benz ist es wesentlich, dass Kirche und Gemeinden den Fokus ihrer gesamten Arbeit neu justieren. In manchen Gemeinden geht es vor allem um eine zentrale Frage: Dass Menschen Christen werden. Zum Glauben kommen, im Glauben wachsen, andere zum Glauben führen, diese Reihe ist schlechthin zentral.

Dass sich Christsein nicht einfach vererbt, haben inzwischen alle gemerkt. Wo es keine Weitergabe des Glaubens gibt, ist das Ende der Kirche besiegelt. Nicht Evangelisation als solche ist das Problem, sondern ihre Vereinseitigung.

Benz kennt seine Bibel immer noch, besser als etliche, die ihm Abweichung von biblischen Einsichten vorwerfen. Es ist ein biblisches Motiv, dass es Gott um die Menschwerdung der Menschen geht. Der häufig zu hörende Satz: „Mach’s wie Gott, werde Mensch“ ist zutiefst biblisch. Christwerden ist Menschwerden.

«Es geht nicht darum, aus Menschen Christen zu machen, sondern aus Menschen wieder Menschen zu machen.»

Benz ist überzeugt:  Christen sind nirgends göttlicher als da, wo sie mitmenschlich handeln. Darum geht es in der Kirche; nicht, dass die Menschen dort heilig werden im Sinne von abgehoben. Dass sie menschlich werden, im Umgang miteinander, in Ehrfurcht vor der Wahrheit, im Streben nach Liebe, in Verbundenheit mit sich selbst und Gott, ausgerichtet auf das, was allen Menschen dient, das ist entscheidend.

«Eine Kirche der Zukunft ist für mich ein Ort, der wieder zur Schule der Menschlichkeit wird.»

4. Zutaten für die Zukunft der Kirchen

Für Martin Benz ist es eine zentrale Einsicht, dass sich offenes Denken und leidenschaftliche Spiritualität nicht gegeneinander ausspielen lassen. So sehr Kirche der Zukunft die Weite echter Menschlichkeit haben muss, so sehr wird Gott nicht im Menschlichen aufgehen.

Die Begegnung mit Gott, die Erfahrung oder zumindest die Sehnsucht, dass Gott bedingungslose Liebe ist, bleibt für viele zentral, die sich überhaupt auf so etwas wie Kirche einlassen wollen. Benz ist überzeugt: Es ist nicht unsere Aufgabe, endlich wieder richtig missionarisch zu werden. Gott ist der Missionar schlechthin. Er sucht und sammelt seine Menschen. Und das Ziel seiner Mission ist es, dass wir aufblühen, dass wir entdecken und dann auch werden, was wir immer sein sollten.

Wenn Kirche ein solcher Ort ist, wo sich Quellen lebendiger Spiritualität finden lassen, ein Ort, der die Menschen aufrichtet und für sie zu einem gelingenden Leben beiträgt, da wird Kirche interessant. Nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie für Erfahrungen steht, die Menschen mit sich und anderen oft nicht oder zu selten machen.

Die Kirche der Zukunft entsteht für Benz deshalb nicht durch das Kopieren erfolgreicher Gemeindemodelle. Sie wächst dort, wo Menschen gemeinsam experimentieren, Verantwortung übernehmen und Formen von Kirche entwickeln, wo man ehrlich miteinander redet, Freiheit nicht mit Beliebigkeit verwechselt und Nächstenliebe praktisch werden lässt.

Landeskirchen gehen auf Zeiten zu, wo diese Fragen auch für sie wichtiger werden.

Die Kirchen werden nicht einfach nur kleiner. Der Verlust an Grösse, vor allem auch an Selbstverständlichkeit und Vertrautheit, macht etwas mit ihnen. Sie bleiben sich nicht gleich, nur in kleiner Gestalt. Wo Kirchen den Weg vom Mainstream zur Diaspora beschreiten, wird sich auch ihr Selbstverständnis verändern müssen, schon allein deshalb, weil sie und ihre Mitglieder immer weniger voraussetzen können und immer mehr erklären müssen.

Martin Benz` Zutaten für eine Kirche der Zukunft sind mindestens anregend. Teilweise können sie aus kirchlicher Sicht als Bestätigung gelesen werden dafür, dass die Landeskirchen keine religiöse Gemeinschaft mit dem Rücken zur Gesellschaft werden wollen. Aber für die Kirche mitten in der Gesellschaft stellen sich andere Fragen: Wie und wo vermitteln wir so etwas wie ein christlich-kirchliches Selbstverständnis? Wie entsteht die Haltung: mit Freude gläubig und gerne in der Kirche zu sein? Denn wo dieses positive Selbstverständnis fehlt, wird es kaum gelingen, Räume der Geborgenheit, der Vergewisserung und der gemeinsamen Stärkung zu entwickeln.  

Martin Benz (2026): Wenn die Kirche nicht mehr passt – Zutaten für eine Kirche der Zukunft. Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlag.

Vgl. vor allem auch den Podcast von Martin Benz: Movecast.