Martin Thoms: Die biblische Urgeschichte

Eine Buchbesprechung von Thorsten Dietz

Die Urgeschichte: ein vermauerter Zugang zur Bibel?

Nach seinem Buch zur Allversöhnung und somit dem Ende aller Dinge, wendet sich Martin Thoms in seinem neuesten Werk den Anfängen zu. Kaum ein Abschnitt der Bibel hat eine so weit verzweigte Wirkungsgeschichte wie die Urgeschichte, wie man die Texte in den ersten 11 Kapiteln des 1. Buches Mose (Genesis) vielfach nennt. Hier lässt sich in der Tat reden von einem Tagebuch der Menschheit (Carel van Schaik). 

Tatsächlich hat die Christenheit eine nicht unkomplizierte Beziehung zu diesem Text. In der Dogmatik erhielten viele Texte über Schöpfung und Fall, Gottes Allmacht und des Menschen Sünde grundlegende Bedeutung. Gleichzeitig hat man diese ersten Seiten der Bibel selten differenziert betrachtet. Unterschiedliche Perspektiven zur Schöpfung oder zur Sintflut hat man lange ignoriert. Vielfach wurde die Urgeschichte wortwörtlich verstanden und gegen naturwissenschaftliche Erklärungsansätze ausgespielt. Manche glaubten, aufgrund ihrer Treue zur Bibel die Wissenschaften ignorieren zu müssen. Wieder andere entschieden sich dafür, die Bibel für ein Märchenbuch zu halten. 

Falsche bzw. unzureichende Bibelauffassungen entzünden sich bis heute an einer problematischen Lektüre ihrer ersten Kapitel. 

Martin Thoms bietet erste Hilfe für Neugierige. Ohne Fussnoten und gelehrten Apparat gibt Thoms Basisaufklärung zu einem angemessenen Bibelverständnis für Neugierige. Dabei hält er sich nicht lange auf mit den Sackgassen fundamentalistischer Religion, wo heute noch diese Texte als Konkurrenz zu Naturwissenschaft und Geschichtsforschung gelesen werden. Er stellt den Leserinnen und Lesern auch nicht die Vielzahl heutiger Auslegungsmöglichkeiten vor. In 14 Essays bietet er frische Zugänge zu altbekannten Geschichten, in denen nicht alles und jedes erklärt wird, aber Wesentliches. Thoms macht Zweifelnden und Suchenden ein klares Angebot, an dem man sich auch da mit Gewinn reiben mag, wo man manches auch anders sehen mag. 

Thoms stellt die Frage nach dem Mehrwert dieser Texte. Was leisten sie denn wirklich, wenn wir sie nicht mehr lesen als Mitteilungen einer eigentlichen oder einer falschen Beschreibung unserer Welt- und Menschheitsgeschichte? 

Die Texte der Urgeschichte sind ein Spiegel der Menschheit. 

Sie sind bis heute ein Medium möglicher Selbsterkenntnis. Wer die Urgeschichte liest, fragt nicht nach dem, was damals war. Er fragt nach dem, was heute wirklich trägt.  

Aller Anfang ist schöpferisch 

Was sind diese Texte zur Schöpfung für eine Literatur? Natürlich vermitteln die biblischen Erzählungen keine Informationen über etwas, das vor 6000 Jahren geschah. Es sind mythische Texte, so Thoms, ohne sich mit den komplizierten Diskussionen zum Mythos-Begriff lange aufzuhalten. Mythisch sind sie, weil es ihnen nicht um Tatsachen, sondern um Sinnfragen geht, um existenzielle Dimensionen des Menschseins. 

„Wer die Urgeschichte wörtlich liest, bringt sie zum Stolpern. Wer sie aber als Mythos versteht, bringt sie zum Sprechen.“ (21) 

Zugleich zeigt Thoms eindrücklich, dass man diesen mythischen Charakter der Texte nicht ausspielen sollte gegen ihre historische Verwurzelung in einem ganz bestimmten kulturellen Horizont. Diese Erzählungen verarbeiten das Naturdenken ihrer (z.B. babylonischen) Entstehungszeit. Nur wer die biblischen Texte mit der älteren Überlieferung des Alten Orients zur Welt- und Menschenentstehung oder zu alten Fluterzählungen vergleicht, versteht die theologische Pointe des biblischen Gottesbildes.  

Die Schöpfungserzählung muss nicht in erster Linie von uns entmythologisiert werden. Erst mal gilt es zu erkennen, dass sie eine für die damalige Zeit unfassbare Entmythologisierung betreibt. 

In den Texten der Hebräischen Bibel wird die Welt erstmals zur Welt. 

Wo einst überall Göttliches war, ist nun Irdisches. Wo vielfach in der alten Welt die Gestirne als Götter verstanden wurden, da machen die Bibeltexte aus Sonne, Mond und Sterne eine vom Schöpfergott installierte Beleuchtungseinrichtung.  

Die Menschenschöpfung wurde berüchtigt als Platzanweisung und Sündenspiegel. In den letzten Jahren wird vor allem in traditionellen Kreisen die Rede von Mann und Frau (eigentlich männlich und weiblich) gedeutet als ein Bekenntnis zur Zweigeschlechtlichkeit. Thoms zeigt, dass Fragen zu Menschen zwischen den Geschlechtern (Trans- und Intergeschlechtlichkeit) fern von jeder Aussageabsicht dieser Texte liegen. Wenn man die Unterscheidung im weiteren Kontext von Gen 1 liest, zeigt sich schnell, dass ein binäres Verständnis gar nicht zwingend ist. Unterscheidungen wie Nacht und Tag, Erde und Wasser beziehen sich jeweils auf das Ganze in Zeit und Raum. Es wäre unsinnig, mögliche Übergänge und Uneindeutigkeiten zu leugnen.

„Gottes Schöpfung ist voller Übergänge. Voller Wesen, die nicht in einfache Kategorien passen.“ (59) 

Thoms widerspricht der mit der alten Deutung eines Sündenfalls in Gen 3 verbundenen Verdüsterung des Menschenbildes. Viele Gläubige haben sich einreden lassen, dass es in dieser Geschichte um eine Verführung durch den Teufel geht, wodurch die Menschheit ihre Unsterblichkeit verliert; dass Leiden und Sterben ihr als Strafe somit zukommen. Der biblische Text weiss von solchen späteren Deutungen nichts. 

„Zwei Dinge wird man in Gen 3 vergeblich suchen: den Teufel und die Erbsünde.“ (124) 

Genozide in der Bibel?

Auch die Sintflut darf man nicht lesen als Bericht vom ersten Genozid. Natürlich handelt es sich auch hier nicht um ein Ereignis von vor ein paar tausend Jahren. Die biblischen Sintfluterzählungen sind aus Sicht der Überlebenden konzipiert. Anders als in den orientalischen Erzählungen, ist das Ausgangsproblem nicht die Willkür der Götter, sondern die Gewalt der Menschen. 

Die Flut „ist kein göttlicher Zornesausbruch, sondern die Konsequenz einer sich selbst zerstörenden Schöpfung.“ (183)

Die Pointe in der Rede von Gott ist das unerschütterliche Dennoch der göttlichen Güte. Verglichen mit den Erzählungen der damaligen Welt, ist die biblische Sintfluterzählung „die narrative Dekonstruktion eines grausamen Gottesbildes.“ (189) Wer Gott ist, darüber wird in den Texten wieder und wieder diskutiert und gestritten.

„Die Bibel selbst fällt sich ins Wort. Sie erzählt keine eindeutige Geschichte und ist erst recht kein dogmatisches Lehrbuch, sondern ein polyphoner Diskursraum mit unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Stimmen.“ (205) 

Trotz aller Vielfalt gibt es klare und eindeutige Linien, die sich durch die Texte ziehen. Vor allem ist dies das Bekenntnis zu einem Gott der Liebe. Dass das Leben eine Gabe ist und Gott den Menschen treu bleibt durch alle Irrungen der Zeit hindurch, das steht am Anfang der Bibel, mit der Verheissung: Diese Treue ist verlässlich für alle Zeit.  

Die Bibel zurückgewinnen 

Thoms schreibt für alle, die sich die Bibel zurückholen wollen. Zurück aus den antimodernen Verteidigungskämpfen irregeleiteter Apologetik. Zurück aus der Verachtung einer vermeintlich nur veralteten und falschen Vorstellung der Geschichte. Thoms schreibt für alle, die diese Texte nicht den Kontroversen der Kulturkämpfer überlassen wollen. Die biblischen Texte sind voller Leben. Durchdrungen von den Erfahrungen ihrer Zeit, reden sie auch heute zu uns in unseren Herausforderungen, wie z.B. der Klimakrise. Wer die biblischen Texte als Meditations- und Wahrnehmungshilfe entdeckt, kann eine Verbundenheit mit allem Leben gewinnen, die die Menschheit in der Moderne viel zu stark verloren hat. 

Literatur

Martin Thoms (2026): Die biblische Urgeschichte. Spiegel der Menschheit, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

Martin Thoms: Hat Gott nur zwei Geschlechter geschaffen?

Vgl. auch Martin Thoms Text für Fokus Theologie: Das Evangelium vom Gericht Gottes.

Infos über Martin Thoms, seine Arbeit und seinen Studientag zur Allversöhnung finden sich hier: https://martinthoms.de/

Vgl. auch Martin Thoms (2025): Es ist vollbracht. Oder doch nicht? Antwortversuche auf Einwände zur Fantasie der Allversöhnung. Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt

Vgl. auch unseren Geist.Zeit-Podcast: Martin Thoms: Jesus der Richter? Und das soll Evangelium sein?

Dieser Beitrag gehört zum Bibel-Dossier von Fokus Theologie